„Unstatistik des Monats“
Hintergrund der Aktion
Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer haben im Jahr 2012 die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Sie werden jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen hinterfragen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben.
Frankfurt und der Vatikan als Horte des Verbrechens
Pressemitteilung vom 14.5.2013
Die Unstatistik des Monats Mai 2013 ist die Aussage „Frankfurt/Main deutsche Hauptstadt des Verbrechens“, die am 12. Mai 2013 von der Online-Ausgabe der „Welt“ verbreitet und von vielen anderen Medien übernommen wurde. Grundlage dieser Meldung ist die „Polizeiliche Kriminalstatistik 2012“, die am 15. Mai vom Bundesminister des Innern, Dr. Hans-Peter Friedrich, in Berlin vorgestellt wird. Diese Kriminalstatistik fasst die in den verschiedenen Städten und Gemeinden Deutschlands polizeilich erfassten Straftaten zusammen und ist als solche nicht zu beanstanden.
Bei der Interpretation dieser Statistik wird jedoch häufig übersehen, dass zum Beispiel in einigen Städten Rauschgiftdelikte oder Schwarzfahrer aggressiver verfolgt und angezeigt werden als in anderen. Dies führt bei identischer „wahrer“ Kriminalität zu einer höheren Kriminalität in der offiziellen Statistik. Am bedenklichsten aus statistischer Sicht ist jedoch die Ermittlung von Rangfolgen durch Bezug der gemeldeten Fälle auf jeweils 100 000 Einwohner. Nach der so ermittelten aktuellen Statistik liegen Frankfurt am Main, Düsseldorf und Köln auf den drei ersten Plätzen, Augsburg und München auf den letzten.
Eine seriöse Rangfolge müsste aber nicht nur die reinen Einwohnerzahlen, sondern alle Menschen berücksichtigen, die in der jeweiligen Stadt Opfer wie auch Verursacher einer Straftat werden könnten. Dazu zählen auch Einpendler, Messebesucher, umsteigende Reisende am Hauptbahnhof oder Fluggäste. Die Stadt Frankfurt hat beispielsweise fast so viele Einpendler wie Einwohner, am Flughafen Frankfurt fliegen jedes Jahr rund 30 Millionen Menschen ab. Und genauso viele kommen an. Jede dort verübte Straftat – in der Regel Diebstähle – fällt statistisch der Stadt Frankfurt zur Last. Ähnliches gilt für Düsseldorf, mit ebenfalls überdurchschnittlich vielen Einpendlern, Messebesuchern und Fluggästen. Würde man die Zahl der verübten Straftaten durch die Zahl sämtlicher potenzieller Opfer und Täter teilen, käme vermutlich eine ganz andere und weitaus realistischere Rangliste heraus.
Zu welch absurden Ergebnissen die Kriminalstatistik auf Basis von Einwohnerzahlen führen kann, zeigt der Vatikanstaat. Er ist demnach das kriminellste Land der Erde. Wie „Radio Vatikan“ berichtet, gab es dort im Jahr 2011 insgesamt 640 Zivil- und 226 Strafverfahren – deutlich mehr als eines je Vatikanbürger (492). Aber in 99 Prozent der Fälle waren nicht diese, sondern einer der rund 18 Millionen Besucher jährlich als Opfer oder Täter involviert. Deshalb sollte man versuchen, auch für die deutschen Städte Zahlen der potenziell Betroffenen zu ermitteln.
Ihr Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125
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Träger der Aktion
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer
Geschäftsführender Direktor
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Lentzeallee 94
14195 Berlin
Tel.: (030) 82406-0
Prof. Dr. Walter Krämer
TU Dortmund
Fakultät Statistik
44221 Dortmund
Tel.: (0231) 755-3125
Prof. Dr. Thomas K. Bauer
Vice-President of RWI
Hohenzollernst. 1-3
45128 Essen, Germany
Phone: +49 (201) 8149-264
