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„Unstatistik des Monats“ – Archiv

Hintergrund der Aktion

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer haben im Jahr 2012 die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Sie werden jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen hinterfragen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben.

Stress in der Lehre?

Pressemitteilung vom 26.4.2013


Die Unstatistik des Monats April 2013 ist die Aussage „Jeder vierte Azubi schmeißt seine Ausbildung hin“. Das meldete beispielsweise „Spiegel Online“ am 15. April. Auch in vielen anderen deutschen Leitmedien, Zeitungen und Zeitschriften war im Zusammenhang mit dem deutschen System der dualen Berufsausbildung vom „Stress in der Lehre“ zu lesen. Quelle der Information ist der Entwurf des Berufsbildungsberichts 2013 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).

In Wahrheit schmeißt längst nicht jeder vierte Lehrling seine Ausbildung hin. Wahr ist: jedes vierte Ausbildungsverhältnis wird vorzeitig aufgelöst. Laut einer BIBB-Befragung aus dem Jahr 2002 verbleiben jedoch mehr als 60% dieser Lehrlinge im Bildungssystem, sie nehmen beispielsweise eine andere Lehrstelle an, beginnen eine neue Ausbildung oder nehmen ein Studium auf. Von den 25% Auszubildenden, deren Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wurde, wird noch nicht einmal jeder fünfte arbeitslos. Insgesamt wirft also nur etwa jeder zwanzigste Azubi seine Ausbildung hin in dem Sinne, dass er oder sie arbeitslos wird. Auch wenn die Befragung des BIBB aus dem Jahr 2002 stammt, ist nicht davon auszugehen, dass sich die Situation für Auszubildende, deren Vertrag vorzeitig gelöst wurde, bis heute bedeutend verändert hat.

Das deutsche System der dualen Berufsausbildung gilt weltweit als vorbildlich und wird vielfach als einer der wichtigsten Gründe für die vergleichsweise geringe deutsche Jugendarbeitslosigkeit angesehen. Mit derzeit 7,7% ist diese die niedrigste der ganzen EU..

Ihr Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125

Die Strahlentoten von Fukushima

Pressemitteilung vom 3.4.2013


Die Unstatistik des Monats März ist die Zahl 16 000. Sie tritt in der folgenden Meldung der ARD-Tagesschau vom 11. März auf: „Japan gedenkt heute der Opfer der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vor zwei Jahren. Ein Erdbeben der Stärke neun hatte damals den Nordosten des Landes erschüttert und eine bis zu 20 Meter hohe Tsunamiwelle ausgelöst. In der Folge kam es zu einem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima. Dabei kamen ungefähr 16.000 Menschen ums Leben. Tausende gelten immer noch als vermisst.“

Diese Meldung suggeriert, dass durch den Reaktorunfall 16 000 Menschen ums Leben gekommen sind. In Wahrheit sind durch den Reaktorunfall bisher zwei Menschen ums Leben gekommen. Und das auch nicht durch die Strahlenbelastung: Die beiden Mitarbeiter starben zwar auf dem Gelände der Atomanlage, offenbar wurden aber auch sie bereits durch das Beben oder den Tsunami getötet (Quelle: focus.de).

Ihr Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264

Ausmaß der Armutseinwanderung kleiner als berichtet

Pressemitteilung vom 28.2.2013


Die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung über das Ausmaß der Armutseinwanderung aus Bulgarien und Rumänien. So berichtete neben anderen großen Tageszeitungen beispielsweise die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am 15. Februar unter der Überschrift „Städtetag besorgt über Armutseinwanderung“: „Die jährliche Zahl der Armutseinwanderer aus Rumänien und Bulgarien hat sich in den vergangenen vier Jahren von 64 000 auf rund 147 000 mehr als verdoppelt; im ersten Halbjahr 2012 stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 24 Prozent.“ Sie nahm dabei Bezug auf auf ein „Positionspapier des Deutschen Städtetages zu den Fragen der Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien“. Während dort jedoch lediglich die Einwandererzahlen genannt wurden, wurden in der Berichterstattung alle Zuwanderer aus diesen beiden Ländern als Armutsmigranten klassifiziert.

Diese Darstellung vermittelt allerdings ein falsches Bild der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland. Daten des Mikrozensus zeigen, dass 80% der Menschen, die seit Beginn der EU-Mitgliedschaft im Jahr 2007 aus diesen beiden Ländern nach Deutschland gekommen sind, einer Erwerbsarbeit nachgehen.* Von diesen sind 22% hochqualifiziert und 46% qualifiziert. Bei diesen Zuwanderern handelt es sich häufig um Menschen mit Berufen, die wir in Deutschland dringend benötigen.

Sicherlich findet auch Zuwanderung von Migranten ohne Schule und Berufsausbildung statt, die hier in prekären und teilweise menschenunwürdigen Verhältnissen leben und auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Freizügigkeit innerhalb der EU kann neben vielen Vorteilen eben auch dazu führen, dass arme Menschen nach Deutschland kommen, die das deutsche Sozialsystem belasten. Gerade in einer solchen Situation sollte man sich jedoch die Struktur der Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedstaaten genau ansehen, um daraus eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu entwickeln. Eine pauschale Klassifizierung aller Zuwanderer aus diesen Ländern als Armutsmigranten, die das Problem der Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme übertreibt, schadet da nur.

Ihr Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264

* Corrigendum vom 11. April 2013: Statt „einer Erwerbsarbeit nachgehen“ muss es heißen „Erwerbsbeteiligte sind“.

Die Medien übertreiben bei der Lebensmittelverschwendung

Pressemitteilung vom 29.1.2013


Die Unstatistik des Monats Januar sind die regelmäßigen Schreckensmeldungen über weggeworfene Lebensmittel in Deutschland. Zuletzt hatten die beiden christlichen Kirchen beim ökumenischen Landkirchentag auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin die Verschwendung von Lebensmitteln angeklagt. Jeder deutsche Verbraucher werfe im Durchschnitt jedes Jahr 83 Kilogramm Lebensmittel auf den Müll (zur Studie).

Im „Spiegel“ 50/2012 wurde ähnlich alarmierend berichtet, weniger als die Hälfte des in Europa angebauten Obstes und Gemüses würde tatsächlich auch gegessen. Dieser Rechnung (auf Grundlage dieser Studie) lag jedoch ein populärer Denkfehler zu Grunde: Wenn 50% von irgendetwas verlorengeht, und vom Rest dann nochmals 50%, so sind das insgesamt nicht 100%, sondern 75%. Der Spiegel hatte aber die Verlustraten auf den verschiedenen Stufen vom Anbau bis in den Verbrauchermagen einfach aufaddiert und kam bei Obst und Gemüse auf insgesamt 56%, bei Wurzeln und Knollen sogar auf 68% der Ausgangsmenge. In Wahrheit sind es aber nur 46% bzw. 52% - immer noch viel, aber nicht ganz so alarmierend.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich aber auch ein großer Teil dieser verbleibenden Prozentsätze wie auch der von den Kirchen beklagten weggeworfenen 83 Kilogramm als unvermeidbarer oder teilweise unvermeidbarer Abfall wie beispielsweise Brotrinden oder Apfelschalen. So schätzt die Studie, auf die sich die Meldungen der Kirchen beziehen, dass nur 38 Kilogramm der von den Verbrauchern weggeworfenen Lebensmittel definitiv vermeidbar waren.

Als beklagenswert verbleiben die nur wegen angeblicher Schönheitsfehler weggeworfenen Lebensmittel, hier wäre sicher ein Umdenken ökologisch wie auch ethisch angebracht. Fast noch bedenklicher aus ethischer Warte erscheint aber der kaum beklagte Umstand, dass allein in Deutschland jedes Jahr über 4 Millionen Tonnen Lebensmittel zu Kfz-Treibstoff verarbeitet werden.

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Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25

Mineralöl in Adventskalendern

Pressemitteilung vom 12.12.2012


Die Unstatistik des Monats Dezember sind Mineralölrückstände in Adventskalendern. Davon hatte die Stiftung Warentest Ende November in gewissen Produkten mehr als 10 Milligramm pro Kilogramm Schokolade festgestellt. In der Folge mussten mehrere Firmen ihre Produkte aus den Regalen nehmen, mit Schäden für die jeweiligen Hersteller von mehreren 100.000 Euro. Inzwischen haben die betroffenen Firmen Klage angedroht.

Denn nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung gehen von diesen Mineralölrückständen keine zusätzlichen Gesundheitsgefahren aus; sie entsprechen in etwa dem, was Kinder und Erwachsene ohnehin über die sonstige Ernährung gewohnheitsmäßig zu sich nehmen. Auch die beunruhigende Zusatzinfo der Stiftung Warentest, diese Stoffe stünden im Verdacht, Krebs zu erzeugen, erhöht eher die Desinformation. Denn mit dem Argument dieses Verdachts wären auch viele andere Nahrungsmittel in den Mülleimer zu werfen, bei denen dies nicht im Geringsten zur Debatte steht.

Eher illusorisch scheint auch die Forderung, "Substanzen, die unter Krebsverdacht stehen, haben nach Einschätzung der Stiftung Warentest nichts in Lebensmitteln zu suchen". Hier offenbart sich ein bedenkliches Kenntnisdefizit. Denn Substanzen, die unter Krebsverdacht stehen, sind in sämtlichen Lebensmitteln vorhanden. Allerdings in so minimalen Mengen, dass sie für die Gesundheit völlig unbedenklich sind. So steht schon in den inzwischen 500 Jahre alten Schriften des berühmten Arztes Paracelsus, die im übrigen einzige naturwissenschaftliche Theorie, die auch 500 Jahre nach ihrem Entstehen genauso unwidersprochen gültig ist wie seinerzeit: "Was das nit Gift ist? Alle Ding sind Gift und nichts ist ohn Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist!"

Viele der in Deutschland so populären regelmäßigen Meldungen über Giftfunde aller Art fallen daher eher in die Kategorie „kontraproduktive Panikmache“. Denn die stetige Verfeinerung der Analysemethoden führe dazu, wie es der „Spiegel“ einmal schrieb, dass "alles in allem gefunden wird". In einem solchen Fall aber sollten solche Funde keine Zeitungsmeldung wert sein.

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Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25

„Polen sind fleissiger als Deutsche“

Pressemitteilung vom 28.11.2012


Die Unstatistik des Monats ist die Aussage „Polen sind fleißiger als Deutsche“, geäußert von Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich eines Treffens mit den Staatsoberhäuptern Italiens und Polens am 19. November in Neapel.

Das mag als Kompliment hingehen, nicht aber als aussagekräftige Statistik. Verwendet man die jährliche Arbeitszeit je Erwerbstätigen, wie sie beispielsweise von der OECD ausgewiesen wird, ist Herr Gauck insofern korrekt, als die in dieser Erhebung erfaßten Polen und Polinnen pro Jahr im Durchschnitt 1.937 Stunden arbeiten, die in dieser Statistik erfaßten Deutschen dagegen nur 1.413 Stunden. Abgesehen von potenziell erheblichen Messfehlern (viele Überstunden und ein großer Teil der Arbeit aller Selbständigen fallen etwa aus dieser Statistik heraus) betreffen diese Zahlen aber nur Personen, die tatsächlich einer Erwerbsarbeit nachgehen. Das waren 2011 nach Eurostat in Deutschland 76%, in Polen nur 65% aller Bürger im Alter zwischen 20 und 64 Jahren. Insbesondere gehen in Deutschland viel mehr Menschen als in Polen einer Teilzeitarbeit nach, bringen also nur wenige Stunden in diese Statistik ein. Würde man also die geleisteten Arbeitsstunden durch alle Bürger im erwerbsfähigen Alter teilen, ergäbe sich ein völlig neues Bild.

Noch größer ist der Abstand beim durchschnittlichen Geldvermögen pro Bürger: Es beträgt in Deutschland 60.000 Euro, in Polen knapp über 7.000 Euro. Dabei sind in beiden Ländern auch jene Menschen mitgezählt, die überhaupt kein Vermögen besitzen oder sogar Schulden haben. Für Letztere ist das Vermögen negativ. Kein Mensch käme auf die Idee, in diesen Durchschnitt nur solche Menschen aufzunehmen, die tatsächlich Vermögen besitzen. Genau das wurde aber von Herrn Gauck bei seinem Vergleich der durchschnittlichen Arbeitsstunden getan.

Völlig außer Acht bleiben bei diesem Vergleich auch die private Kinderbetreuungs-, Haus- und Gartenarbeit sowie der Wert der Güter bzw. Dienstleistungen, die tatsächlich während der Arbeitszeit produziert worden sind. Hier erzeugte im Jahr 2011 laut OECD ein polnischer Arbeitnehmer im Durchschnitt in einer Stunde Waren und Dienstleistungen im Wert von 26,20 Euro, ein deutscher Arbeitnehmer im Wert von 55,30 Euro.

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Armut ist nicht Ungleichheit

Pressemitteilung vom 23.10.2012


Die Unstatistik des Monats Oktober heißt 15,8% und kommt vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden: „15,8 % der Bevölkerung waren 2010 armutsgefährdet“ meldeten die Amtsstatistiker am 17. Oktober 2012 (zur Pressemitteilung).

Die Zahl ist korrekt, nicht aber deren Interpretation. Als "armutsgefährdet" gilt, wer jährlich netto weniger als 11.426 Euro zur Verfügung hat. Der Hauptkritikpunkt ist die Berechnung dieser Armutsgrenze. Dazu nimmt man europaweit 60 % des Durchschnittseinkommens. Wenn sich also alle Einkommen verdoppeln, verdoppelt sich auch die Armutsgrenze, und der Anteil der Armen ist der gleiche wie vorher.

Ferner ist in armen Ländern die Armutsgrenze kleiner als in reichen. Zieht also ein Gastarbeiter aus Portugal, der hier im Jahr nur 11.000 Euro zur Verfügung hat, in seine Heimat zurück, nimmt die kollektive Armut in Deutschland und Portugal gleichermaßen ab. Denn in Deutschland ist man mit 11.000 Euro jährlich arm, in Portugal dagegen nicht. Selbst wenn besagter Portugiese zuhause nur 7.000 Euro jährlich hätte, wäre er dort statistisch-offiziell nicht arm.

Jeder am Durchschnittseinkommen festgezurrte Armutsbegriff misst daher nicht die Armut (wie beispielsweise die Definition der Weltbank, die alle Menschen als arm einstuft, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben müssen), sondern die Ungleichheit. Deshalb ließe sich auch die in den deutschen Medien aufgrund der obigen Statistik oftmals beklagte Armut sehr leicht dadurch beheben, dass man beispielsweise allen Menschen in Deutschland die über die derzeitige Armutsgrenze hinausgehenden Einkommen wegnähme und nach Peking an die chinesische Staatsbank überwiese. Dann wären die Einkommen hierzulande gleichmäßiger verteilt, die neue Armutsgrenze läge sehr viel niedriger, und die Armut wäre nahezu vollständig verschwunden.

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Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25

Gen-Mais tötet

Pressemitteilung vom 28.9.2012


Die Unstatistik des Monats September ist die Meldung, dass genmodifizierter Mais Krebs erzeugen soll. Ein Wissenschaftlerteam um den Franzosen Gilles-Eric Séralini hatte berichtet, dass bei Ratten, die über einen längeren Zeitraum mit genmodifiziertem Mais gefüttert worden waren, schwere gesundheitliche Schäden aufgetreten sind. Insbesondere starben diese Ratten häufiger als andere an Krebs. Damit sei die genetische Modifikation des Futters als Verursacher von Krebs identifiziert (zur Studie).

Diese Meldung wurde recht unkritisch als „alarmierend“ in vielen deutschen Medien verbreitet, und drei französische Minister forderten die EU angeblich zum Handeln auf. Die Meldung ist aber aus Sicht der Statistik nur als Unfug zu bezeichnen. Denn die Anzahl von Ratten, die binnen eines gegebenen Zeitraums an Krebs versterben, schwankt sehr stark. Und die französische Forschergruppe hatte nur zehn Tiere in der Kontrollgruppe der nicht mit Genmais gefütterten Tiere untersucht. Wegen dieser sehr geringen Zahlen können Unterschiede in der Krebsmortalität sehr leicht allein durch Zufall auftreten. Sie sind im Sinne der mathematischen Statistik „nicht signifikant“, also nicht aussagekräftig genug, um auf einen ursächlichen Zusammenhang schließen zu können. Das lässt sich anhand statistischer Tests nachweisen; aber das kann auch jeder daran erkennen, dass die Gruppe von Ratten, welche mit dem höchsten Anteil an Gen-Mais gefüttert wurden, tatsächlich die höchste (!) Überlebensrate hatte.

Eine Analogie kann dies verdeutlichen: Drei von zehn Bundesbürgern sterben derzeit an Krebs. Greift man beliebig zehn Bundesbürger heraus, sterben aber nur selten genau drei davon an Krebs. Die tatsächliche Zahl der Krebsfälle schwankt dabei zwischen null und zehn. Wenn man wissen möchte, ob das Essen von Bonbons die Krebssterblichkeit erhöht, aber nur zehn Bürger untersucht, die keine Bonbons essen, dann kann es leicht sein, dass von diesen zehn nur zwei an Krebs sterben. Daraus kann man aber nicht schließen, dass Bonbons die Sterblichkeit um 50 Prozent (von zwei auf drei) erhöhen. Genau dieser Fehler wurde aber bei der Gen-Mais Studie gemacht.

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 82406-0
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25

Dick macht doof und depressiv

Pressemitteilung vom 31.8.2012


Die Unstatistik des Monats August sind Meldungen in deutschen Medien zu ursächlichen Zusammenhängen von Essgewohnheiten, Depressionen, Intelligenz, Körpergewicht und Schulbesuch. So meldete die „Apotheken-Umschau“ Anfang des Monats, der übermäßige Konsum von Fast-Food löse Depressionen aus. Dabei fasste sie eine spanische Studie zusammen, die zwischen dem Verzehr von Industriebackwaren und Fast Food auf der einen und der Häufigkeit von Depressionen auf der anderen Seite einen positiven Zusammenhang festgestellt hatte. Besonders gefährdet seien Singles, die mehr als 45 Stunden die Woche arbeiteten, ansonsten aber wenig aktiv seien und sich insgesamt ungesund ernährten. Einige Zeitungen ergänzten das Ende des Monats mit Meldungen wie „Dick macht dumm“ (z.B. Ärzte Zeitung), basierend wiederum auf einer Beobachtungsstudie, die einen negativen Zusammenhang zwischen Übergewicht und den Ergebnissen von Intelligenztest aufzeigt. Und dick wiederum wird man unter anderem durch die Schule, wenn man anderen Zeitungsmeldungen des Monats August glauben darf: „Schule macht dick“. Hintergrund war diesmal eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Mainz, derzufolge Kinder gerade in dem Alter, in dem sie üblicherweise eingeschult werden, besonders an Gewicht zulegen.

In all diesen Meldungen wird wieder einmal der Trugschluss von Korrelation auf Kausalität gemacht oder in den von den Zeitungen gewählten Überschriften zumindest suggeriert. Während eine Korrelation lediglich eine Beziehung zwischen Merkmalen beschreibt, handelt es sich bei der Kausalität um einen ursächlichen Zusammenhang, also Ursache und Wirkung. Dieser Fehler wurde in der „Unstatistik des Monats“ bereits in der Vergangenheit thematisiert. So ist es beispielsweise bei Fast Food mindestens ebenso plausibel, dass Depressionen zu Essstörungen führten und damit die Kausalität in die umgekehrte Richtung verläuft. Ganz allgemein können aus Beobachtungsstudien, die all diesen Meldungen zugrunde liegen, nur unter erheblichen Zusatzinformationen und häufig sehr unrealistischen Annahmen Schlüsse auf Kausalbeziehungen abgeleitet werden. Darauf wird auch in allen Studien, auf die sich diese Meldungen beziehen, mehr oder weniger deutlich hingewiesen. Aber leider bleiben diese Einschränkungen in den Medienberichten in aller Regel unerwähnt. Jedenfalls müssen nach aktueller Faktenlage keine Eltern fürchten, dass ihre Kinder durch die Schule erst einmal dick und dann auch noch dümmer werden.

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Keine Angst vor Cholera

Pressemitteilung vom 27.7.2012


Horrormeldungen wie „Cholera kann über Ostsee nach Deutschland kommen“ (Die Welt) „Gefährliche Keime in der Ostsee“ (Frankfurter Rundschau) oder „Klimawandel: Gefährliche Keime breiten sich in Ostsee aus“ (Hamburger Abendblatt) haben Ende des Monats deutsche Zeitungsleser erschreckt. Eine Studie in einer medizinischen Fachzeitschrift hat einen positiven Zusammenhang zwischen der Erwärmung der Ostsee und dem Vorkommen des Bakteriums Vibrio gefunden, das unter anderem auch Cholera erzeugt. Wie die Autoren selbst anmerken, kann diese Korrelation auf einer Vielzahl anderer Ursachen beruhen, wie z.B. einem verbesserten Meldesystem für Cholera.

Vielleicht trifft dieser Zusammenhang aber auch tatsächlich zu. Selbst dann ist jedoch kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Denn nach Angaben des Berliner Robert Koch Instituts wurden von 2001 bis 2010 lediglich 15 Cholerafälle gemeldet. Sollte sich diese Zahl, wie die Autoren der Studie befürchten, in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln, ergäbe das im Durchschnitt künftig drei Cholerafälle pro Jahr. Damit ist die Wahrscheinlichkeit eines Cholerafalls in Deutschland immer noch weniger als ein Fünftel derjenigen, vom Blitz erschlagen zu werden. Obwohl sich die Zahl der Cholerafälle relativ gesehen verdoppelt hätte, bliebe ihre absolute Häufigkeit verschwindend gering. Also wie so oft viel Lärm um (praktisch) nichts. Man kann weiterhin beruhigt in der Ostsee baden.

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VCD-„Städtecheck“ liefert falsche Zahlen zur Verkehrssicherheit

Pressemitteilung vom 29.6.2012


Die Unstatistik des Monats Juni ist der „Städtecheck 2012“ des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Hier teilt der VCD 76 deutsche Großstädte je nach der Verkehrssicherheit für Kinder und Jugendliche in unterschiedliche Gefährdungsklassen ein. Dazu werden die Veränderungsraten der Verkehrsunfälle der vergangenen fünf Jahre arithmetisch gemittelt. Diese Vorgehensweise ist irreführend und wissenschaftlich nicht zulässig. Angenommen, in einer Stadt gibt es erst 10, dann 16, dann 8 Verkehrsunfälle pro 1000 Kinder und Jahr. Dem entsprechen jährliche Veränderungsraten von +60% und –50 %, im Mittel also +5 %. In Wahrheit hat aber die Zahl der Verkehrsunfälle abgenommen. In Deutschland hat sich die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Kinder in den vergangenen Jahren mehr als halbiert.

Deshalb geht auch die ausführliche Medienberichterstattung über diesen Städtecheck an den wahren Tatsachen vorbei. So titelte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) am 18. Juni: „Im Ruhrgebiet verunglücken mehr Kinder auf den Straßen“. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. So verunfallten nach Angaben des VCD bundesweit, also unter Einbezug der ländlichen Gebiete, im Jahr 2010 260 von 100.000 Kindern. Dabei lagen nur 8 der untersuchten 76 Städte am oder unter diesem Bundesdurchschnitt, darunter Bochum, Hagen und Herne. Betrachtet man nur Städte, waren 320 von 100.000 Kindern an Unfällen beteiligt. Mit Ausnahme von Moers, Recklinghausen und Krefeld lagen alle Ruhrgebietsstädte unter diesem Wert. Im Vergleich zu anderen deutschen Städten leben Kinder im Ruhrgebiet also vergleichsweise sicher.

Auch die vom VCD angeführten internationalen Vergleiche hinken. Demnach verunglückten in Deutschland im Jahr 2009 277 von 100.000 Kindern im Straßenverkehr, in den Niederlanden dagegen nur 52. Das ist zum großen Teil auf eine andere Definition zurückzuführen: in den Niederlanden werden – anders als in Deutschland – geringfügige Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Kindern statistisch nicht erfasst. Nur Kinder, die wegen eines Unfalls ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, gehen in die Statistik ein. In Deutschland dagegen wird jedes Kind gezählt, auch wenn es sich bei einem Verkehrsunfall beispielsweise lediglich das Knie aufgeschürft hat und direkt nach Hause gehen kann.

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Die verlorenen Mädchen von Gorleben

Pressemitteilung vom 1.6.2012


Die Unstatistik des Monats Mai sind die „verlorenen Mädchen von Gorleben“. Anfang des Monats haben vermeintliche Defizite von Mädchengeburten rund um deutsche Atomanlagen die Medien bewegt. Besonders in der Nähe des Atomzwischenlagers Gorleben sei das Jungen-Mädchen-Verhältnis mit 109 zu 100 deutlich gestört. Eine Arbeitsgruppe um den Münchner Epidemiologen Hagen Scherb behauptet, daran sei die von diesen Atomanlagen ausgehende Strahlenbelastung schuld. Diese Behauptung wird durch die Fakten nicht belegt.

Auf 100 geborene Mädchen kommen weltweit zwischen 102 und 109 Jungengeburten (von gewissen ostasiatischen Ländern abgesehen, wo Mädchen offensichtlich systematisch abgetrieben werden und der Jungenanteil nochmals höher ist). In den meisten Ländern schwankt diese Zahl zwischen 104 und 106. Für diese minimalen Veränderungen gibt es Dutzende bekannter Faktoren. So steigt etwa der Jungenanteil leicht mit dem Einkommen der Eltern oder dem Körpergewicht der Mutter. Dagegen nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Jungengeburt mit dem Alter der Mutter, der Zahl der Geschwister oder einer Umweltbelastung durch Pestizide ab. Daneben gibt es zahlreiche weitere Theorien, die mit den geringfügigen Schwankungen der Jungenquote gut vereinbar sind. In den Ländern Europas etwa korreliert der Jungenanteil positiv mit der Nähe zum Mittelmeer. In den meisten Fällen dürfte aber eine Variation der Jungenquote ein Produkt des Zufalls sein.

Allen systematischen Erklärungsversuchen ist gemeinsam, dass sie sich durch die vorliegenden Daten nie beweisen lassen. Bestenfalls lässt sich die Möglichkeit, dass all die genannten Faktoren einen Einfluss auf das Jungen-Mädchen-Verhältnis haben, nicht widerlegen. Die Theorie der Strahlenbelastung als Ursache erscheint aber besonders unplausibel, da die Strahlenbelastung aus natürlichen oder medizinischen Quellen diejenige aus Atomanlagen bei weitem übersteigt.

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Schokolade macht dünn

Pressemitteilung vom 3.5.2012


Die Unstatistik des Monats April ist die Meldung „Schokolade macht dünn“. So oder ähnlich überschrieben verschiedene deutsche Tageszeitungen und Wochenmagazine zur Monatswende Berichte über eine einschlägige Studie der Universität von Kalifornien in San Diego/USA. Darin hatten Forscher eine negative Korrelation zwischen der Häufigkeit des Schokoladenkonsums und dem sogenanten Body-Mass-Index (BMI) entdeckt.

Nun bedeutet aber Korrelation nicht das Gleiche wie Kausalität: Während eine Korrelation lediglich eine Beziehung zwischen Merkmalen beschreibt, handelt es sich bei der Kausalität um einen ursächlichen Zusammenhang, also Ursache und Wirkung. Zwei Merkmale heißen dabei „positiv korreliert“, wenn sie sich mehr oder weniger systematisch in die gleiche Richtung bewegen: Wenn die eine steigt, steigt in der Regel auch die andere, wenn die eine fällt, fällt auch die andere. Ein Beispiel ist das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht. Große Menschen wiegen im Allgemeinen mehr als kleine; nicht unbedingt in jedem Einzelfall, aber im großen und ganzen schon. Von negativer Korrelation spricht man dagegen immer dann, wenn hohe Werte des einen Merkmals mit niedrigen des anderen zusammengehen und umgekehrt. So gibt es etwa bei Männern eine hohe negative Korrelation zwischen dem Einkommen und der Zahl der Haare auf dem Kopf: Je weniger Haare, desto mehr Geld.

Daraus folgt aber nicht, dass Männer durch Haarausfall ihr Einkommen erhöhen können, also ein kausaler Zusammenhang besteht. Diese negative Korrelation kommt dadurch zustande, dass bei Männern mit wachsendem Alter das Einkommen steigt und die Haare ausfallen. Mit anderen Worten, eine dritte Variable im Hintergrund, das Lebensalter, wirkt ursächlich auf Einkommen und Haare ein. Zwischen den beiden Ausgangsvariablen selbst dagegen ist keinerlei Kausalbezug vorhanden.

Ähnlich verhält es sich wohl auch mit Häufigkeit des Schokoladenkonsums und dem Gewicht. Vielleicht belohnen sich manche Menschen für einen Verzicht auf eine Currywurst oder fette Schweinesteaks mit einem kleinen Bissen Schokolade? Auf diese und ähnliche Hintergrundvariablen, die eine solche negative Korrelation erzeugen könnten, weisen die Autoren der Studie durchaus hin. Aber wie bei so vielen wissenschaftlichen Untersuchungen werden diese Zusatzinformationen in der medialen Aufarbeitung unterdrückt.

Sollte es tatsächlich eine Kausalbeziehung geben, wäre die eher in umgekehrter Richtung zu vermuten: dicke Menschen versuchen, Kalorien da zu sparen, wo es ihnen eher leicht fällt, und essen deshalb weniger Schokolade.

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 81 49-264,
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25

Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern?

Pressemitteilung vom 3.4.2012


Die Unstatistik des Monats März heißt 23%. So hoch ist der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, der im Umfeld des Equal Pay Day eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren hat und selbst im Bundestag Gegenstand einer Debatte war. Dieses durchschnittliche Lohndifferential enthält jedoch keinerlei Information darüber, ob bei der Entlohnung Frauen und Männer wirklich ungleich behandelt werden. Dies liegt darin begründet, dass mit dem durchschnittlichen Lohndifferential „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden.

Die in Deutschland beschäftigten Frauen und Männer unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Ausbildung, Berufserfahrung und Arbeitszeit. Darüber hinaus sind Frauen und Männer weiterhin überwiegend in unterschiedlichen Berufen und Industrien tätig. Werden im Rahmen einer Regressionsanalyse diese Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigt, reduziert sich das durchschnittliche Lohndifferential auf 12%. Das ist immer noch nicht gleich, aber deutlich weniger ungleich. Doch auch eine derartige Korrektur des Lohndifferentials ist nicht hinreichend, um einen gesicherten Eindruck über eine mögliche Ungleichbehandlung von Frauen und Männern zu gewinnen. Vielmehr müssten Frauen und Männer miteinander verglichen werden, die über die gleichen arbeitsmarktrelevanten Charakteristika verfügen und in denselben Unternehmen die gleiche Tätigkeit ausüben.

Würden wirklich vergleichbare weibliche und männliche Beschäftigte miteinander verglichen, wäre es überraschend, wenn ein nennenswertes Lohndifferential festzustellen wäre. Wäre dies der Fall, würden nicht nur eine Vielzahl von Unternehmen gegen geltendes Recht – das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – verstoßen, sondern auch die Betriebsräte und Gewerkschaften bei einer ihrer wichtigsten Kontrollaufgaben weitgehend versagen.

Schließlich ist zu befürchten, dass der Fokus auf das obige Lohndifferential die wahren Gleichstellungsprobleme verschleiert. Anstatt der Konzentration auf medienwirksame Lohnunterschiede sollte sich die Politik fragen, warum überwiegend Frauen in Teilzeit arbeiten, Kinder betreuen und Familienangehörige pflegen. Auch sollte die Frage gestellt werden, warum Frauen andere Berufe als Männer wählen, was nicht zuletzt die Absolventenstatistik der Universitäten verdeutlicht. Diesen Unterschieden sollte sich die Politik zuwenden, wenn sie ernsthafte Gleichstellungspolitik betreiben möchte. So dürften bspw. Maßnahmen zur verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf die beste Gleichstellungspolitik sein, während andere Maßnahmen, wie das Betreuungsgeld, eher kontraproduktiv sind.

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 81 49-264,
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25

Pünktliche Bahn?

Pressemitteilung vom 5.3.2012


Die Unstatistik des Monats Februar sind die Pünktlichkeitszahlen der Deutschen Bahn AG. Diese hat im Rahmen einer „Transparenzoffensive“ in ihrem Internetportal für den Monat Januar 2012 ein Pünktlichkeitsmaß von 96,5% publiziert.

Diese Zahl bedarf einer Interpretation. Richtig ist: 96,5% aller Haltepunkte des Nah- und Fernverkehrs inklusive S-Bahnen wurden mit einer Verspätung von weniger als 6 Minuten erreicht. Dies ist angesichts der gewählten Berechnungsmethode aber nicht weiter verwunderlich. Einen Wert von 96% erreicht man bereits, wenn beispielsweise die Züge der Bahn durchschnittlich 25 Haltestellen anfahren und alle diese Züge am Zielbahnhof um mehr als 6 Minuten verspätet ankämen, unterwegs aber immer knapp unter dieser Grenze blieben. Nur bei einem von 25 Haltepunkten, also 4%, würde nach den Kriterien der DB Verspätung angezeigt.

Der Prozentsatz der Züge, die pünktlich (d.h. mit einer Verspätung von weniger als 6 Minuten) ihren Zielbahnhof erreichten, wird von der Bahn nicht angegeben. Darüber hinaus werden Totalausfälle nicht als verspätet mitgezählt. Ferner sagt diese Statistik nichts über die Zahl der Fahrgäste, die pünktlich ihr Ziel erreichten, und über deren durchschnittliche Verspätung. Bei verpassten Anschlüssen addiert sich zu den Zugverspätungen hier noch die Wartezeit hinzu.

Auch die 6 Minuten-Grenze versteht sich nicht von selbst. In der Schweiz gilt ein Zug bereits ab 3 Minuten als verspätet, in Japan sogar schon ab 2. Würde man diese Kriterien auf Deutschland übertragen, sähe die Statistik der Deutschen Bahn wohl längst nicht mehr so freundlich aus.

Die Schweizer Bahn ist darüber hinaus ein Vorbild hinsichtlich der Transparenz. Sie legt nicht nur im Vergleich zur Deutschen Bahn härtere Kriterien an, sie weist auch die Anteile der pünktlich angekommenen Züge und Reisenden sowie die jährlichen Verspätungsminuten aller Reisenden aus.

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Missverständliche Zahlen bei der Hähnchenmast

Pressemitteilung vom 9.2.2012


Die Unstatistik des Monats Januar ist 96,4%.

Diese Zahl verbreitete das Umweltministerium NRW am 20. Januar 2012 in einer Pressemitteilung; so viele Hähnchen der untersuchten Mäster aus NRW sollen nach Angaben von NRW-Umweltminister Remmel mit Antibiotika behandelt werden oder worden sein.

Hier ist Umweltminister Remmel und mit ihm viele andere, die diese Zahl seit ihrem ersten Auftauchen verbreitet haben, ohne sie zu hinterfragen, einem Irrtum aufgesessen. Dieser Irrtum liegt darin, dass „Betriebe“ mit „Hähnchen“ verwechselt werden. Wahr ist vermutlich, dass nur 3,6% der Hähnchen in Betrieben aufgezogen werden, die grundsätzlich auf Antibiotika verzichten. Es gibt aber viele Mastbetriebe, die einmal bei einem Mastdurchgang Antibiotika brauchten und beim nächsten Durchgang nicht. Alle Personen, die die Zahl 96,4% verbreitet haben, haben fälschlicherweise alle gemästeten Hähnchen dieser Betriebe als durch Antibiotika kontaminiert klassifiziert. Daher ist der Prozentsatz der mit Antibiotika behandelten Masthähnchen wahrscheinlich kleiner als 96,4%.

Eine genauere Betrachtung der dieser Zahl zugrunde liegenden Studie zeigt, dass bei 83% der untersuchten Mastdurchgänge mindestens eine Arzneimittelbehandlung vorgenommen wurde, während bei 17% der Durchgänge keine Behandlung stattfand. Aber auch diese Zahl liefert keinen Hinweis, wie viele Hähnchen tatsächlich mit Arzneimitteln behandelt wurden, da sich die Anzahl der Hähnchen je Mastdurchgang stark unterscheidet. Mehr Aufschluss liefert eine repräsentative Untersuchung des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung, die die tatsächliche Anzahl der behandelten Masthühner ausweist. Nach dieser Studie wurden 76% der Masthühnchen in Niedersachsen mit Antibiotika behandelt.

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (02 31) 7 55-31 25,
Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (02 01) 81 49-2 64

Das Ruhrgebiet als Armenhaus

Pressemitteilung vom 23.1.2012


Der erste Stein des Anstoßes der neu gegründeten Aktion ist der im Dezember vorgestellte „Armutsbericht 2011“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Daraufhin wurde in vielen deutschen Medien das Ruhrgebiet als neues Armenhaus der Republik identifiziert. So wäre z.B. die Armutsgefährdungsquote in Dortmund zwischen 2005 und 2010 von 18,6 auf 23 Prozent angestiegen, verglichen mit 14,5 Prozent in Gesamtdeutschland. Aber auch landesweit ginge der wirtschaftliche Aufschwung an den Armen vorbei.

Beide Aussagen sind irreführend. Als armutsgefährdet gilt hier, wer weniger als 60% des Medianeinkommes zur Verfügung hat. Für die Bestimmung der Armut ist die so definierte Armutsgefährdungsquote jedoch irrelevant, da sie nicht die Armut, sondern lediglich die Ungleichheit misst. Auch ging der wirtschaftliche Aufschwung an den Armen nicht vorbei. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist das monatliche Medianeinkommen eines Haushalts mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren zwischen 2005 und 2010 von 2.575 auf 2.892 Euro gestiegen. Entsprechend ist das Einkommen, ab dem ein Haushalt als armutsgefährdet bezeichnet wird, in diesem Zeitraum von 1.545 auf 1.735 Euro gestiegen. Die Armutsgefährdungsquote verringerte sich jedoch im gleichen Zeitraum leicht von 14,7 Prozent auf 14,5 Prozent, d.h. alle Haushalte haben im gleichen Maße vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert, die „Armen“ sogar leicht überproportional.

Entscheidend ist der Vergleichsmaßstab. Für die Armut im Ruhrgebiet verwendet der Paritätische Wohlfahrtsverband das (leicht gestiegene) Medianeinkommen der Bundesrepublik Deutschland als Berechnungsgrundlage. Wird dagegen das Medianeinkommen der jeweiligen Großstadt als Berechnungsgröße verwendet, hatte Dortmund in 2010 eine geringere Armutsgefährdungsquote als Düsseldorf, Hannover, München oder Stuttgart. Duisburg hatte mit 13,9% sogar die geringste Armutsgefährdungsquote aller ausgewiesenen Großstädte überhaupt.

Ungleichheit ist aber nicht dasselbe wie Armut. In Dortmund und Duisburg gibt es nicht mehr Ungleichheit unter den Menschen in der Stadt, sondern nur relativ zum Median für Deutschland.

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25,
Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (0201) 81 49-264

Eine Langfassung der Pressemitteilung mit zusätzlichen Informationen finden Sie hier.