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Deutsche Stahlindustrie im Sog der Industrierezession

Press release from 24 October 2019

Die schwache Konjunktur in der deutschen Industrie lässt die gesamte Stahlverwendung hierzulande in diesem Jahr um knapp 5 Prozent bzw. rund 1,8 Millionen Tonnen zurückgehen.  In der Rohstahlerzeugung schlägt sich dies in einem Rückgang um voraussichtlich 5,6 Prozent nieder. Im nächsten Jahr wird die deutsche Walz- und Rohstahlerzeugung wohl in etwa stagnieren. Davon geht das RWI in seinem aktuellen „Stahlbericht“ aus.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Für Deutschland

  • Die deutsche Stahlindustrie ist in den vergangenen Monaten in den Sog der Industrierezession geraten. Stützend wirkte allein die gute Baukonjunktur. Folglich ist die Rohstahlerzeugung in Deutschland deutlich zurückgegangen. Sie dürfte dieses Jahr im Jahresdurchschnitt um 5,6 Prozent sinken.
  • Die Produktion der Stahlverwender wird im Jahresdurchschnitt 2019 voraussichtlich um rund 4 Prozent abnehmen. Dies dürfte dazu führen, dass die gesamte Stahlverwendung um knapp 5 Prozent bzw. rund 1,8 Millionen Tonnen zurückgeht.
  • Gleichwohl hat sich die Lage in der Stahlindustrie zuletzt, nach einem deutlichen Rückgang der Walz- wie der Rohstahlerzeugung im ersten Halbjahr, etwas stabilisiert: die Lagerbestände sind inzwischen niedrig, das Exportgeschäft hat sich etwas belebt, und die Safeguard-Maßnahmen der EU führten zu einem deutlichen Rückgang der Importe aus Drittländern. Letztere waren eingeführt worden, um die EU-Stahlindustrie vor massiven Handelsumlenkungen in Folge der protektionistischen Handelspolitik der USA zu schützen.
  • Die konjunkturellen Rahmenbedingungen für die deutsche Stahlindustrie bleiben voraussichtlich ungünstig. Die Produktion der industriellen Stahlverwender dürfte im nächsten Jahr nochmals sinken, die Bauinvestitionen verlangsamt steigen. Die Stahlverwendung dürfte daher im Durchschnitt des Jahres 2020 um 2 Prozent abnehmen. Andererseits dürften die Lagerbestände nicht mehr so stark wie in diesem Jahr reduziert werden. Alles in allem wird die deutsche Walz- und Rohstahlerzeugung im kommenden Jahr voraussichtlich in etwa stagnieren. Die Kapazitätsauslastung wird damit in etwa auf dem gegenwärtigen, im längerfristigen Vergleich niedrigen Niveau von rund 81 Prozent verharren.
  • Da die Stahlkonjunktur wohl ein weiteres Jahr schwach bleiben wird, werden die Unternehmen ihre Beschäftigung anpassen. Das RWI prognostiziert einen Rückgang um knapp 2 Prozent bzw. rund 1.500 Stellen.
  • Die deutsche Stahlindustrie sieht sich kurz- und langfristig großen Risiken gegenüber. Kurzfristig könnten vor allem der Brexit und die handelspolitischen Spannungen die Produktion belasten, weil die damit verbundene hohe Verunsicherung der Unternehmen die Nachfrage nach erfahrungsgemäß stahlintensiven Investitionsgütern verringert. Langfristige Risiken sind Produktionsverlagerungen ihrer wichtigsten Abnehmer aus Deutschland, insbesondere des Fahrzeugbaus, der sich im Zuge des Übergangs zur E-Mobilität neu ausrichtet.

Für die Welt

  • Die globale Rohstahlerzeugung ist in den ersten acht Monaten dieses Jahres mit 4,4 Prozent unerwartet kräftig gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Allerdings verbirgt sich dahinter eine Zunahme der chinesischen Produktion um gut 9 Prozent. In der übrigen Welt war insgesamt gesehen ein leichtes Minus zu beobachten, wenn auch mit Unterschieden zwischen den Regionen.
  • Auch im kommenden Jahr wird die Entwicklung der weltweiten Rohstahlerzeugung durch China geprägt. Dort wird sie voraussichtlich weiter zunehmen, wenn auch verlangsamt. Da für die anderen Länder in der Summe ein weiterer Rückgang der Rohstahlerzeugung zu erwarten ist, ist für das kommende Jahr mit einer Steigerung der Stahlproduktion um nur noch knapp 3 Prozent zu rechnen, nach einem Plus von wohl gut 4 Prozent in diesem Jahr.
  • Die globale Kapazitätsauslastung dürfte leicht über die im Jahr 2018 erreichten 81 Prozent steigen. Auch diese Verbesserung ist wohl weitaus überwiegend auf China zurückzuführen, während anderenorts der Auslastungsgrad zumeist sinken dürfte. Das Problem der globalen Überkapazitäten bleibt bestehen.

Zu den speziellen Risiken der Prognose sagt RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn: „Insbesondere die Auswirkungen des Brexit und der handelspolitischen Spannungen auf die deutsche Stahlindustrie sind schwer vorhersehbar. Ihre unmittelbaren Folgen sind zwar überschaubar, nicht aber die Folgen der mit ihnen verbundenen Verunsicherung der Unternehmen.“

Ihre Ansprechpartner/in dazu:
Prof. Dr. Roland Döhrn             Tel. (0201) 81 49-287,
Sabine Weiler (Pressestelle)     Tel. (0201) 81 49-213,

Dieser Pressemitteilung liegt der „Stahlbericht“ („Die Lage am Stahlmarkt – Stahlindustrie im Sog der Industrierezession“) aus dem aktuellen Konjunkturbericht des RWI (Heft 3/2019) zugrunde. Er ist hier als pdf-Datei verfügbar. Die FAZ berichtet heute über ihn unter der Überschrift „Stahlflaute kostet Arbeitsplätze“.

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