RWI in den Medien

Giftiger Cocktail

Süddeutsche Zeitung vom 06.07.2018

Das Warten auf die Folgen des Brexit vergleichen Wirtschaftsexperten mit Sinn für schwarzen Humor schon einmal mit einem Sprung aus dem 30. Stock. Großbritannien ist aus dem europäischen Haus gesprungen und beim Vorbeiflug an der sechsten Etage fragen sich die Bewohner, wie es dem Land jetzt wohl geht. Ob beim Brexit noch ein Fallschirm aufgeht oder ein größeres Desaster droht, fragen sich auch deutsche Exporteure. „Der Aufprall wird kommen, und Firmen sollten möglichst schnell Notfallpläne für ihr Geschäft mit Großbritannien entwickeln“, rät Volker Treier, Außenwirtschafts-chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).
Noch hoffen betroffene Unternehmen auf Freihandelsabkommen, die dem Ceta-Vertrag der EU mit Kanada ähneln könnten. Das würde wenig am Status quo verändern und Spielraum für weitere Verhandlungen bieten. Treier aber warnt: Ebenso denkbar ist ein weitreichendes Scheitern der Gespräche, das Großbritannien zu einem weder an Zollunion und Binnenmarkt noch an besondere Verträge gebundenen Handelspartner machen würde. Deutsche Firmen sollten dann auf neue Regeln für die Marktzulassung und Zollanmeldung ihrer Produkte vorbereitet sein. Sie sollten schon mal durchrechnen, ob und für welche Güter sich ihr Großbritanniengeschäft noch lohnt, und vieles mehr. Das Warten auf den Brexit-Showdown ist nur Teil eines immer giftiger wirkenden Cocktails aus neuen Außenhandelsrisiken. Zu den Zutaten gehören die verschärften US-Sanktionen gegen Iran und Russland ebenso wie die protektionistische Handelspolitik der Trump-Regierung. In der Türkei befinden sich Währung und Wirtschaft im freien Fall. Hinzu kommen neue Sorgen wegen des Kurses der neuen italienischen Regierung. Deren Koalitionäre erwägen sogar, einen Teil der Staatsschulden nicht zurückzuzahlen. Unternehmer lässt das nicht unbeeindruckt. Dem KfW-Ifo-Mittelstandsbarometer zufolge sind die Exporterwartungen seit ihren Hochs im Herbst 2017 deutlich zurückgegangen. Neuer Optimismus zeichnet sich auch im Frühsommer nicht ab. „Die Stimmung gerade in den international vernetzten Branchen wie dem Großhandel und dem verarbeitenden Gewerbe wird verhaltener“, sagt KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner.
Schlechtere Stimmung bedeutet aber auch mehr Zurückhaltung bei den Investitionen. Konsequenz: Die Wirtschaftsforschungsinstitute schrauben ihre Wachstumsprognosen für Deutschland reihenweise nach unten. Das RWI (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) in Essen etwa rechnet jetzt für 2018 nur noch mit 1,8 Prozent Zuwachs nach einer Prognose von 2,4 Prozent im März. Ohnehin schwächere Exporte würden durch das protektionistische Umfeld zusätzlich belastet. „Wir spüren die Verunsicherung bei den Unternehmen. Die Auftragseingänge aus dem In- und Ausland sind rückläufig, die Sorge um den Export beeinflusst offenbar auch die Inlandsnachfrage“, sagt RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn.
Der Handelskonflikt droht sich auch auf die Finanzierungslage auszuwirken. „Wenn die Risiken im Auslandsgeschäft steigen, führt das zu höheren Risikobewertungen bei den Kreditinstituten“, sagt Treier. Die Folge können je nach Unternehmensbonität verschärfte Konditionen oder ein schwieriger Zugang zum Bankkredit sein. Hinzu kommen Probleme in spezifischen Absatzmärkten. „Wegen der US-Sanktionspolitik sind Banken im Russlandgeschäft bereits vorsichtiger geworden. Bei einer Eskalation des Handelskonflikts würde die Zurückhaltung noch einmal weiter zunehmen“, fürchtet der DIHK-Experte Treier. Droht mit den diskutierten Einfuhrzöllen auf europäische Autos nun die nächste Eskalation? „Sie würden die deutsche Wirtschaft zwar treffen, wohl aber nur begrenzt Wirkung zeigen“, sagt Döhrn. Ein Gutteil der Produktion deutscher Automobilbauer für den US-Markt entsteht ohnehin bereits an Standorten jenseits des großen Teichs. Mittelständische Zulieferer, die Autoteile dahin schicken, müssen zudem nicht mit nennenswerten Strafzöllen rechnen. Und aus Deutschland exportierte Premium- Fahrzeuge dürften bei ihren finanziell gut situierten Käufern auch dann auf Nachfrage stoßen, wenn sie teurer werden. Dumm nur, dass die Autobauer mit ihren Affären um Messmanipulationen jetzt ohnehin große Probleme haben. „Trump-Protektionismus und die Abgas-Skandale lösen für sich genommen noch keine Rezessionsrisiken aus, zusammen können sie aber gefährlich werden“, warnt Döhrn.
Sorgt die jüngste Italienwahl nun auch noch für zusätzliche Querelen in Europa? Die von Lega und Fünf-Sterne- Bewegung vorgestellten Pläne zu Grundeinkommen, niedrigerem Renteneintrittsalter und kräftigen Steuerentlastungen wecken neue Sorgen um die Staatsfinanzen des Landes mit der zweithöchsten Staatsverschuldung in der EU. Solche Irritationen allerdings, so Wissenschaftler Döhrn, dürften die Exportaussichten deutscher Unternehmen kaum beeinflussen. Wichtiger ist, dass sich das Land mit Wachstumsraten von über einem Prozent im Aufschwung befindet. „Die europäische Konjunktur ist breit abgestützt durch zunehmende Beschäftigung, steigende Investitionen und gute Finanzierungsbedingungen für die Investitionen. Das gilt auch für Italien“, sagt KfW-Volkswirt Zeuner. Allerdings: Seit der Wahl muss das Land nun schon wieder höhere Zinsen für seine Anleihen bezahlen. Von dem Niveau des Krisenjahres 2010 sind sie aber immer noch ein gutes Stück entfernt. Allzu große Unruhe kommt auch bei deutschen Exporteuren nicht auf. „Die Unternehmen investieren in ihr Italiengeschäft und sind zuversichtlich, dass der derzeitige Schwung noch einige Zeit anhält“, sagt Treier.
Die Furcht um die Stabilität in Europa bleibt dennoch. Immerhin gehen 80 Prozent der Exporte deutscher Mittelständler in den EU-Binnenmarkt. Doch auch die Gefahren, die von der US-Handelspolitik auf die Absatzmärkte in Asien ausgehen, wirken nicht eben beruhigend. Ab 6. Juli wollen sich die USA und China mit gegenseitigen Strafzöllen auf Waren im Wert von jeweils bis zu 50 Milliarden Dollar überziehen. Deutsche Industrieunternehmen, die in chinesische Fertigungsstätten in ähnlichem Umfang investiert haben wie in solche in den USA, müssen das mit Sorge sehen. Sie setzen einen erheblichen Teil ihrer in China produzierten Güter am US-Markt ab. Umgekehrt fürchten Hersteller wie Daimler, dass sie von den USA aus weniger Autos nach China verkaufen können.
Dennoch bleibt das Reich der Mitte eine Stütze für die Weltwirtschaft. Zeuner rechnet mit einer anhaltenden Dynamik, die dem Mittelstand weitere Chancen bietet. „Weil China bei seinem Wachstumsmodell noch mehr auf private Unternehmen und eine stärkere Konsumnachfrage setzen muss, könnte sich deutschen Unternehmen ein noch größeres Marktpotenzial eröffnen“, sagt er.

Up