RWI in den Medien

Heim-Qualität hängt nicht vom Träger ab

Ruhr Nachrichten vom 09.07.2018

Mit Pflege kann man gutes Geld verdienen, das lockt viele Investoren an. Der Pflegemarkt ist in Deutschland stark in Bewegung – anders als in Dortmund. Wie die Stadt die Bedarfsplanung nun ändern möchte, lesen Sie in Teil 4 unserer Serie zur Situation der Pflege in Dortmund.
Von Benjamin Legrand
Die Gesellschaft wird älter, es gibt mehr Pflegefälle – und trotzdem wurde seit Jahren kein neues stationäres Pflegeheim in Dortmund eröffnet. Das könnte sich bald ändern. Die Stadt will ein Hemmnis für Investoren zurücknehmen und die Bedarfsplanung neu aufstellen.
Der Pflegemarkt ist kein normaler Markt – die Pflege und ihre Finanzierung hängen stark von der Politik ab. Auch von der Lokalpolitik – und die hatte 2015 entschieden, Betreibern möglicher neuer Heime finanzielle Sicherheiten zu verwehren. Die Zahlung von Sozialhilfe, auf die viele Bewohner angewiesen sind, wäre bei neugeplanten Einrichtungen außerhalb der Bedarfsplanung ausgeblieben. Und ohne Zahlungsgarantie investiert kein Investor.
Das soll sich nun ändern, die Verwaltung erarbeitet eine Ratsvorlage, nach der von 2019 an diese Zahlung wieder möglich sein soll, abhängig vom Bedarf. Und den will die Stadt neu ermitteln: kleinteiliger, bezirksorientiert und nicht mehr reduziert auf stationäre Pflege. Alle Bereiche der Pflege wie Kurzzeit und Ambulante Pflege sollen in die Bedarfsplanung einfließen.
Wir sind gut beraten, wenn wir uns das kleinräumig ansehen und mehr stationäre Pflege vor Ort zulassen“, sagt Reinhard Pohlmann, Bereichsleiter des Fachdienstes Senioren bei der Stadt: „So können wir die Versorgung am besten sicherstellen.“
5886 Pflegeplätze in 56 stationären Pflegeeinrichtungen gibt es derzeit in Dortmund. Eine „sehr auskömmliche pflegerische Versorgung“, sagt Pohlmann. Warum? „Das stellt man fest, weil es keine großen Wartelisten gibt. Warten muss man nur, wenn man unbedingt in ein bestimmtes Heim will. Wenn man versorgt werden muss, kann man das in Dortmund innerhalb einer Woche realisieren“, sagt Pohlmann.
Ob das auch in Zukunft noch so sein wird? Das hängt von den Plänen der Heimbetreiber ab und von der Zahl der zukünftigen Pflegebedürftigen. Doch Prognosen sind nur Prognosen.
Grundsätzlich wird mit einem starken Anstieg der Pflegefälle gerechnet. So soll die Zahl der Pflegebedürftigen in NRW bis 2050 auf das anderthalbfache steigen. Für Dortmund sieht eine Prognose von „IT NRW“ dagegen nur eine minimale Steigerung bis 2025 vor. Von 18.517 Ende 2015 auf 18.600 in 2025. Experten bezweifeln, dass in diese Statistik alle neuen Pflegegleistungen einbezogen wurden. Und das Vertrauen in die Prognose wird nicht gestärkt, wenn man weiß, dass „IT NRW“ zuvor für 2020 in Dortmund 17.600 Pflegebedürftige prognostiziert hatte. Eine Zahl, die schon 2015 deutlich überholt war.
Die Awo, die in Dortmund sechs Seniorenzentren betreibt, geht von ganz anderen Zahlen aus. „Bis 2030 wird der Pflegebedarf in Dortmund um 10 bis 20 Prozent zunehmen“, sagt Elke Herm-Riedel, Abteilungsleiterin Qualitätsmanagement beim Bezirk Westliches Westfalen: „Das ist im Vergleich zu anderen Regionen sehr moderat.“
Denn bundesweit ist der Markt schon seit einigen Jahren im Umbruch. Ältere Gesellschaft, solide bis gute Rendite, das einzige Risiko sind höchstens politische Entscheidungen und Einschränkungen: Das lockt Investoren an. 10,9 Milliarden Euro haben Investoren 2017 laut einer Studie der Beratungsfirma Bain & Company in die deutsche Pflege-Branche investiert.
Es ist die Fortsetzung einer Entwicklung, die man nach der Jahrtausendwende auch in Dortmund sehen konnte. Von 1998 war die Zahl der Pflegeplätze von rund 4000 bis 2016 um das anderthalbfache angewachsen. Den allergrößten Anteil des Wachstums, 82 Prozent, steuerten dabei private Betreiber zu. Höhepunkt der Entwicklung in Deutschland war im vergangenen Jahr die Übernahme von Alloheim. Für 1,3 Milliarden Euro wurde der Pflegekonzern von Nordic Capital übernommen. Kein Wunder, ist doch Alloheim mit 165 Pflegeheimen die Nummer zwei auf dem deutschen Markt – acht Einrichtungen liegen davon in Dortmund. Größer ist nur die französische Korian Gruppe mit 220 Heimen. Die ebenfalls französische Orpea Gruppe ist viertgrößter Anbieter im Land. 3 von 124 Einrichtungen sind in Dortmund. Marktführer in NRW ist dagegen ein Wohlfahrtsverband. Die Awo Westliches Westfalen ist mit 58 Heimen Spitzenreiter in NRW und bundesweit der achtgrößte Betreiber.
„Es gibt keinen eigentlichen Wettbewerb mehr zwischen Wohlfahrtspflege, kommunalen und privaten Trägern. Sondern es gibt einen Wettbewerb zwischen Groß und Klein“, sagt Awo-Pflegeexpertin Elke Herm-Riedel.
Gute Rendite locken internationale Fonds wie Nordic Capital in den deutschen Pflegemarkt – gerade in Zeiten der Niedrigzinspolitik. Ganze 8,3 Prozent Gesamtkapitalrendite erwirtschaften kommerzielle Heimbetreiber in Deutschland, sagt eine Studie des RWI-Leibniz- Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. Freie gemeinnützige Träger erzielen demnach eine Rendite von 5,0 Prozent, öffentlich-rechtliche 2,8 Prozent.
Spüren Heimbewohner an der Lebensqualität, dass ihr Heimbetreiber mehr Geld mit dem Pflegeheim verdient? Landesregierung, Patientenverbände und mehrere Heimaufsichten in NRW verneinen einen direkten Zusammenhang. „Die Qualität eines Heimes hängt nicht von der Trägerschaft ab“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz: „Schwarze Schafe können bei jedem Träger vorkommen. Denn tatsächlich bringt schlechte Pflege noch immer das gleiche Geld wie gute Pflege.“
Das zeigt sich auch in Dortmund – zieht man die umstrittenen und bald abgeschafften Pflegenoten heran. Unter den 13 Pflegeheimen mit der Bestnote 1,0 sind Private, Wohlfahrtsverbände und auffallend viele Städtische vertreten. Ökonomen führen die höhere Rendite bei privaten Betreibern auf Einsparmöglichkeiten in größeren Konzernen zurück. Sie senken Kosten, indem sie Einkauf, Küche, Wäscherei zentralisieren. Bei einer Einrichtung unter 70 Pflegeplätzen sei die Rentabilität eingeschränkt, heißt es. Der private Betreiber Alloheim teilt dagegen mit, man verfolge seit Jahren eine Strategie der dezentralen Eigenversorgung: „Wo immer es möglich ist, integrieren wir Dienstleistungen rund um das Haus“. Auch die Dortmunder Comunita- Gruppe, eine Tochter des französischen Orpea-Konzerns, hat eigene Küchen an jeder Einrichtung. Die Wäsche wird extern gewaschen.
Auch die Awo setzt auf eigene Küchen je Haus. Wo eine Zulieferung von einer anderen Awo-Einrichtung kommt wie beim Erna-David- und beim Minna-Sattler- Seniorenzentrum, soll das zurückverlagert werden.
Der größte Kostenposten bei einem Pflegeheim ist das Personal. Nach der gleichen RWI-Studie gibt es hier schon deutliche Unterschiede: Die Personalausgaben als Anteil am Umsatz liegen bei öffentlich-rechtlichen Heimbetreibern mit 62 Prozent und bei freigemeinnützigen mit 61 Prozent höher als bei kommerziellen Heimbetreibern mit 50 Prozent. Das liege am Outsourcing von Küche oder Wäscherei. Oder werden weniger Pflegekräfte eingestellt und die vorhandenen schlechter bezahlt? „Wenn manche Investoren zwölf Prozent Rendite erzielen möchten, weiß ich auch, wo ich das nur erwirtschaften kann“, sagt Awo-Qualitätsmanagerin Elke Herm-Riedel: „Genau das sind die Fälle, die die ganze Pflegebranche in Verruf bringen. Das lehnen wir grundsätzlich ab. Diese Entwicklung muss die Politik sehr genau beobachten und rechtzeitig gegensteuern.“
Nur 30 Prozent der Unternehmen bundesweit zahlen laut RWI Tariflöhne in der Altenpflege. „In Nordrhein-Westfalen ist die Quote höher“, sagt NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU): „Die Wohlfahrtsverbände, die in NRW den halben Markt ausmachen, halten die Tarife ein.“ Das bestätigt auch Verdi. Private Betreiber zahlen demnach nicht Tarif. Man zahle „marktgerechte Gehälter“, sagt Alloheim.
Besser zahlen könnten Betreiber schon sofort – sie könnten sich die Mehrausgaben sogar von den Bewohnern wieder holen. „Wenn man von den Bewohnern der Pflegeheime mehr Geld nehmen möchte, dann will ich auch nachgewiesen haben, dass das Geld bei den Pflegekräften ankommt. Und das wollen die Pflegeheime häufig nicht“, sagt Sozialminister Laumann: „Die finden es so schrecklich, dass wir dann mal in ihre Bücher gucken dürfen.“
Die Betreiber in Dortmund warten derzeit ab. Ausbaupläne hat keiner der angefragten großen Betreiber, aus unterschiedlichen Gründen: „Der Hauptgrund dafür ist der Fachkräftemangel. Neue Mitarbeiter in der benötigten Anzahl für ein komplett neues Haus zu rekrutieren ist derzeit schwierig“, sagt Caritas.
Alloheim sieht „aktuell auch keinen Ausbaubedarf in dieser Region“. So richten sich erst mal alle Augen auf den Phoenix-See: Hier gab es bereits 2015 den Spatenstich für die „Comunita Residenz Phoenixsee“ mit zwölf Etagen. Doch passiert war seitdem nichts. Auch der angekündigte Baubeginn im ersten Halbjahr 2018 blieb folgenlos. Nun teilt Comunita mit: „Wenn alles nach Plan verläuft, rechnen wir mit dem Baubeginn im Oktober.“
Welche Kosten kommen auf Bewohner zu?
Die im Pflegeheim entstehenden Kosten werden unterteilt in Kosten für Pflege, Unterbringung und Verpflegung sowie Investitionskosten, heißt es im Pflegebericht der Stadt Dortmund. An den Kosten für die Pflege beteiligt sich die Pflegeversicherung . Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie die Investitionskosten müssen die Bewohnerinnen und Bewohner selbst tragen.
Investitionskosten sind die Kosten, die dem Träger von Pflegeeinrichtungen im Zusammenhang mit der Herstellung, der Anschaffung und der Instandsetzung von Gebäuden entstehen.
Die Investitionskosten sind in jeder Einrichtung unterschiedlich hoch.
Wenn die Leistungen aus der Pflegekasse zusammen mit dem persönlichen Einkommen und Vermögen (und dem des nicht getrennt lebenden Partners) nicht ausreichen, um die notwendige Pflegeleistung zu finanzieren, kommt der Bezug von Sozialhilfeleistungen in Betracht.
Wer als Bewohner einer stationären Pflegeeinrichtung bestimmte Einkommens- und Vermögensvoraussetzungen erfüllt, kann unter bestimmten Voraussetzungen als Zuschuss Pflegewohngeld bekommen.
Das Sozialamt Dortmund hat laut Pflegebericht insgesamt 20,7 Millionen Euro für das Pflegewohngeld im Jahr 2015 bezahlt.

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