RWI in den Medien

Milliardenschäden bei Grenzkontrollen

Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe vom 09.07.2018

Führende deutsche Wirtschaftsforscher haben gegenüber unserer Zeitung vor der Wiedereinführung von Grenzkontrollen in der EU gewarnt und den möglichen volkswirtschaftlichen Schaden im zweistelligen Milliardenbereich angesiedelt. „Die direkten Kosten wieder eingeführter Grenzkontrollen dürften sich im hohen zweistelligen Milliardenbereich für Europa bewegen“, sagte Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.
Der Präsident des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Reint E. Gropp, sagte, bei einer Rückkehr zu einem Zustand wie vor dem Vertrag von Schengen würden vor allem „höhere Transaktionskosten bei grenzüberschreitendem Handel und Reisen“ zu Mehrbelastungen führen. Besonders betroffen seien die 1,7 Millionen Arbeitnehmer, die in einem Land lebten und in einem anderen arbeiteten. „An Transaktionskosten bei Gütern fallen 7,5 Milliarden Euro pro Jahr an“, sagte Gropp. Noch weiter reichende Probleme würden dadurch entstehen, dass Lieferketten unterbrochen würden. „Viele Produzenten haben auf Just-in-time-Lieferungen umgestellt, um Lagerkosten zu reduzieren.“ Diese Lieferketten würden durch Grenzkontrollen infrage gestellt. Bezieht man diese Kosten mit ein, käme man „auf ein Vielfaches der Summe“, sagte Gropp. Er hält es für realistisch, „dass die Preise von Importgütern durch die Grenzkontrollen steigen würden“. Gropp verweist auf eine Studie der Bertelsmann- Stiftung, die besagt, dass dies für Deutschland Kosten von über 70 Milliarden Euro bis 2025 bedeuten würde.
Matthias Lücke vom Kieler Institut für Weltwirtschaft schätzt, dass der volkswirtschaftliche Verlust für Deutschland bei flächendeckenden Kontrollen in allen Schengen-Ländern „zwischen 0,14 und 0,36 Prozent des Bruttoinlandsproduktes beträgt“. Übertragen auf 2017 wären das zwischen 4,6 und 11,7 Milliarden Euro. Befürchtungen, dass es zu Dominoeffekten bei der Wiedereinführung von Grenzkontrollen kommen könnte, hatte zuletzt Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz geweckt, der ankündigte, sein Land bereite sich zumindest auf Kontrollen an den Südgrenzen Österreichs vor. Am Freitag hatte auch in der Südwest-CDU eine Debatte über Grenzkontrollen zur Schweiz begonnen.
Roland Döhrn hat für das Essener RWI Institut ebenfalls die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Wiedereinführung von Grenzkontrollen berechnet. Er kommt zum Ergebnis, dass Grenzkontrollen vor allem dann größere Wirkungen haben werden, wenn sie über einen längeren Zeitraum gelten. Er verweist darauf, dass die Mitgliedschaft im Schengen- Raum den bilateralen Warenaustausch zweier Länder „um zehn bis 20 Prozent“ gesteigert habe. „Bei Wiedereinführung von Kontrollen könnte dieser Handelsgewinn wegfallen.“
Tatsächlich zeigen sich die Händler bereits alarmiert. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnt im Falle verstärkter Grenzkontrollen schon vor Umsatzeinbußen für Einzelhändler in Bayern. „Es ist zu erwarten, dass viele Kunden, die sonst zum Einkaufen über die Grenze nach Deutschland kommen, die langen Rückstaus bei Kontrollen meiden werden“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.
Über kurze Frist, lautet Roland Döhrns Fazit, dürften die gesamtwirtschaftlichen Kosten überschaubar sein. „Problematisch wäre es“, sagt Döhrn , „wenn die Grenzkontrollen lediglich das Symptom einer generellen Abkehr von den Idealen der europäischen Integration wären.“ Hierfür, findet Döhrn, gebe es aber „angesichts des wachsenden Zuspruchs nationalistischer Parteien in vielen Ländern leider Anzeichen“.

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