RWI in den Medien

Mehr als nur der Pflegeroboter

Ruhr Nachrichten vom 13.07.2018

In Castrop-Rauxel ist der Einsatz von Pflege-Robotern noch ferne Zukunftsmusik. Michael Hube, Geschäftsführer der Gesellschaft für Seniorenbetreuung Geros, meint: „So ein Roboter ist vielleicht ganz nett zur Unterhaltung und für den Einsatz bei Operationen, fürs Zwischenmenschliche ist er aber nicht geeignet.“
Zu Testzwecken werden Roboter aber dennoch schon eingesetzt, zum Beispiel in Siegen: Zögernd, stockend rollt „Paula“ (kleines Foto) auf einen zu. „Im Frühtau zu Berge“ – wenn man mag, spielt sie das alte Wanderlied. Sie rudert mit den Armen, schwingt die Hüfte, tanzt auf ihrem einzigen rollenden Fuß – zieht die Aufmerksamkeit auf sich, macht Freude, sorgt für Gesprächsstoff.
„Der Roboter fordert mehr zu Interaktion auf“, sagt Felix Carros, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozio-Informatik der Uni Siegen. Die Wissenschaftler hatten festgestellt, dass Pflegeheimbewohner ein Tablet auch nach Aufforderung – wenn überhaupt – nur widerwillig in die Hand nehmen. Auf das Tablet auf „Paulas“ Brust tapsen irgendwann auch die renitentesten älteren Herren. Paulas Augen fokussieren das Gegenüber, der Kopf folgt dem Gesprächspartner, wenn ihre etwas quäkige Roboterstimme spricht. „Dadurch führt das zu einer anderen Interaktion.“ „Paula“ spielt nicht nur Lieder und tanzt, sie bietet auch Spiele, ein Quiz oder ein Memory für Demenzkranke.
Sieht so die Zukunft in den Pflegeheimen in NRW aus? „Paula“ und die anderen Versuchsroboter der Uni Siegen werden in Pflegeheimen erst mal nur eingesetzt, um mit ihnen die Interaktion zwischen Pflegeheimbewohnern und Künstlicher Intelligenz zu testen. Ein Versuch.
Nicht ersetzbar
Roboter werden menschliche Pflegekräfte nicht ersetzen, da sind sich alle einig. „Das ist eine andere Art von Unterhaltung. Mit Mimik, Gestik oder auch Gerüchen, das können nur Menschen. Man baut eine ganz andere Beziehung auf“, sagt Carros. Bei der AWO wird der Einsatz von Robotern kritisch gesehen. Pflegeexpertin Elke Herm-Riedel: „Wir müssen uns ethisch und moralisch fragen: Wo sind die Grenzen der Digitalisierung? Wie weit gehen wir mit? Immer dann, wenn zwischenmenschliche Interaktion ersetzt werden soll, lehnen wir das ab. Unterstützen ja, ersetzen nein.“
Aber warum sollen Seniorenheimbewohner überhaupt ein Tablet in die Hand nehmen? Was soll das bringen? „Es geht darum, eine zusätzliche Aktivität anzubieten“, so Carros. Der Roboter als Spielzeug für Pflegeheimbewohner, dass selbst dazu auffordert, mit ihm zu spielen.
Wie die Digitalisierung die Pflege und das Alter verändern wird, ist noch unklar. Klar ist nur, dass sie Veränderungen bringen wird. Es muss nicht gleich der kalte Pflegeroboter sein. „Die Digitalisierung bedeutet ganz andere Sachen“, sagt NRW-Sozialminister Karl Josef Laumann (CDU): „Dass man länger beweglich ist, dass man länger Autofahren kann. Dass der Elektroherd nicht sofort einen Großbrand auslöst, wenn man vergessen hat, ihn abzustellen. Dass eine Toilette den Notruf oder die Kinder anruft, wenn da einen Tag lang keiner war. Das wird uns gewaltig helfen.“ Dafür müssten die Menschen aber auch diskutieren, welche dieser Hilfen sie wirklich wollen, so Laumann: „Weil das nicht zu einer Kontrolle des Menschen bis ins Intimste führen darf.“ Auch hier weist Herm-Riedel auf die ethisch-moralische Komponente hin: „Systeme, die gerade bei Demenzkranken Verhalten überwachen, das lehnen wir ab. Das entspricht nicht der Selbstbestimmung und der Würde von Menschen, auch von Menschen mit Demenz. Jeder hat eine Privatsphäre, und die ist unantastbar.“
Umstellung auf digital
Einige Assistenzsysteme sind bei der AWO trotzdem im Einsatz: zum Beispiel Sensormatten bei Sturzgefährdung, oder Bettenauflagen die übermitteln, wann ein Bewohner eine Entlastung bekommen muss, um nicht zu Schaden zu kommen. Technische Assistenzsysteme wie Hebehilfen findet auch Minister Karl-Josef Laumann gut, damit „die Krankenschwester es nicht mehr über ihren Rücken wuppen muss“.
Die ersten Schritte der Digitalisierung müssen also gar nicht so futuristisch sein. Sie bringt einen weiteren Vorteil: In der Logistik und in der aufwendigen Dokumentation der Pflegeleistungen wird heute noch vieles handschriftlich festgehalten. Pflegeheime stellen aber nach und nach auf digitale Systeme um. So auch bei Geros: Die Dokumentation erfolge hier in großen Teilen schon über Tablets, so Hube. „In diesen Bereichen gibt es eine Menge Potenzial“, sagt Boris Augurzky, Professor für Gesundheitsökonomie am Essener RWI Leibniz- Institut für Wirtschaftsforschung. Konkret sollen alsbald aber die Bewohner von den Segnungen der Digitalisierung profitieren. Ein flächendeckender Internetzugang per Wlan soll nach dem Willen der Landesregierung in allen Pflegeeinrichtungen verpflichtend sein. So sieht es ein aktueller Gesetzesentwurf vor. Minister Laumann: „Skype finde ich so interessant, weil man einfach mit den Enkelkindern sprechen kann. Das sollen die älteren Menschen einfach können.“ Bis wann die Pflicht umgesetzt werden muss, steht nicht fest.

 

Up