RWI in den Medien

So hart trifft der Abschwung NRW

Autobauer, Stahl- und Chemiekonzerne sind unter Druck. Bei VW, Bayer, Evonik und Thyssenkrupp sollen Stellen wegfallen. Unternehmer warnen aber vor Schwarzmalerei.

Westdeutsche Allgemeine WAZ Essen-Rüttenscheid vom 30.08.2019

Es ist eine konjunkturelle Lage, die selbst erfahrene Wissenschaftler zum Staunen bringt. „Der Industrie geht es schon seit etwa einem Jahr nicht gut“, sagt Roland Döhrn, der Konjunkturexperte des Essener Instituts RWI. „Erstaunlich ist, dass der Dienstleistungssektor nicht vom Abschwung betroffen ist. Auch der Arbeitsmarkt läuft nach wie vor gut. Der private Konsum und die Steuereinnahmen entwickeln sich ebenfalls positiv.“ Dabei habe doch eine Rezession weite Teile der Industrie erfasst – darunter Auto- und Maschinenbauer sowie Stahl- und Chemiekonzerne.

Als sich Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff am 8. August mit aktuellen Quartalszahlen zu Wort meldet, lässt er keinen Zweifel am Ernst der Lage. „Die Autokonjunktur schwächelt“, berichtet er und erwähnt die globalen Handelskonflikte sowie die für die Stahlindustrie wichtigen Erzpreise. „Die Auswirkungen dieser aktuellen Herausforderungen haben Sie in den letzten Tagen und Wochen auch bei zahlreichen anderen Unternehmen gesehen.“

Neben der Stahlindustrie spürt auch die für NRW wichtige Chemiebranche einen Abschwung. „Wir haben uns frühzeitig für kühlere, ja frostige Zeiten gewappnet“, betont Evonik-Chef Christian Kullmann. Auch beim Düsseldorfer Chemie- und Konsumgüterkonzern Henkel (Persil, Pattex, Schwarzkopf) ist von einem zunehmend schwierigen Marktumfeld die Rede. Es gebe eine „deutlich rückläufige Nachfrage in wichtigen Abnehmerindustrien wie der Automobilindustrie“, erklärt Vorstandschef Hans Van Bylen.

„Vor allem die exportorientierten Branchen leiden unter enormen Unsicherheiten angesichts der weltweiten Handelskonflikte und eines möglichen harten Brexit“, analysiert RWI-Experte Döhrn. Eine Folge sei, dass Investitionen zurückgestellt werden.

Das vom Forschungsinstitut Ifo regelmäßig ermittelte Barometer für das Geschäftsklima fiel im August nahezu auf ein Sieben-Jahres-Tief. Im laufenden dritten Quartal werde die deutsche Wirtschaft in eine Rezession rutschen, sagt das Berliner Institut DIW voraus. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte demnach um 0,2 Prozent fallen. Bereits im Frühjahr hatte es ein Minus von 0,1 Prozent gegeben. Bei zwei Rückgängen in Folge wird von einer Rezession gesprochen.

NRW-Arbeitgeberpräsident Arndt Kirchhoff warnt indes vor Schwarzmalerei. „Ich habe jetzt noch keine großen Sorgenfalten“, sagt der Unternehmer, der eine Firmengruppe aus Iserlohn mit mehr als 13.000 Beschäftigten führt. Nach einem fast zehn Jahre andauernden Aufschwung sei eine konjunkturelle Abkühlung durchaus normal, gibt Kirchhoff zu bedenken. Die schwächelnde Nachfrage bei den Autoherstellern wird einer Studie zufolge aber zunehmend zum Problem der Zulieferbetriebe, die in NRW zahlreich vertreten sind.

Immer weniger neue Stellen

Eine Belastung sei insbesondere der schwache Pkw-Absatz in China, heißt es in der Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Investmentbank Lazard. Hinzu kämen Veränderungen durch den Wandel hin zur Elektromobilität. Zur Autozulieferbranche gehören neben Konzernen wie Continental, Schaeffler, Bosch und Thyssenkrupp auch zahlreiche Mittelständler, gerade auch in Südwestfalen.

Nach Angaben des Ifo-Instituts schreiben die Personalabteilungen angesichts der Konjunkturflaute immer weniger neue Stellen aus. Ohnehin laufen bei großen Konzernen Programme zum Stellenabbau, wobei die Größenordnungen ebenso unterschiedlich sind wie die Gründe. So hat Bayer Ende 2018 den Abbau von rund 12.000 der weltweit gut 118.000 Stellen angekündigt. Thyssenkrupp will 6000 Jobs streichen – BASF ebenso. VW plant bis Ende 2020 in Deutschland den Abbau von 14.000 Stellen. Hinzu kommen bis zum Jahr 2023 noch rund 7000 Stellen, die VW im Zuge der Digitalisierung in der Verwaltung einsparen will. Bei Evonik sind es 1000 Stellen, die wegfallen sollen.

„Die Konjunkturimpulse gingen in den vergangenen Jahren stark von der Autoindustrie aus“, sagt RWI-Experte Döhrn. „Wir sehen nun, dass die Autobauer seit einem Jahr nicht mehr auf Touren kommen. NRW trifft dies im Vergleich zu Bundesländern wie Bayern, Baden- Württemberg und Niedersachsen weniger, weil die Autobranche an Rhein und Ruhr eine geringere Rolle spielt.“

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