RWI in den Medien

„Ich bitte um Verständnis“

Fahima Hamidzada und Mohammed Valipour kamen als Flüchtlinge nach Deutschland. Fälle wie ihre entscheiden darüber, ob sich Angela Merkels berühmtes „Wir schaffen das“ auf dem Arbeitsmarkt erfüllt.

Süddeutsche Zeitung vom 31.08.2019

Um ihren Arbeitsplatz im Münchner Osten zu erreichen, braucht Fahima Hamidzada jeden Tag eineinhalb Stunden – einfach. Das schlaucht. Anderseits würde sie diese befristete Stelle am Empfang der Spedition Dachser nie infrage stellen. Im Gegenteil: Die 41- Jährige ist froh darum. Fahima Hamidzada hatte einen wahrhaft langen Weg hinter sich, als sie damals mit ihren Kindern, neun, zwölf und 14 Jahre, die 6500 Kilometer aus Afghanistan nach Deutschland gelangt war. Sie hat Dinge erlebt, gegen die sich die Pendeln wie das Problem verwöhnter Wohlstandsbürger ausnimmt.

An diesem Mittwoch ist es genau vier Jahre her, dass Angela Merkel im September 2015 die Aufnahme von Flüchtlingen in Ungarn zusagte – und damit einen beispiellosen Streit auslöste. 1,5 Millionen Flüchtlinge sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland geströmt. Lange Zeit sah es so aus, als ob die Rechtspopulisten der AfD dieses Wochenende bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg stärkste Kraft werden. Wie die politische Debatte weitergeht, hängt stark davon ab, wie rasch diese Migranten auch auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Wie weit ist diese Integration, vier Jahre nach den berühmten Septembertagen?

„Die Bilanz ist deutlich positiver, als wir 2015 erwarteten“, sagt Bertram Brossardt von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), die sich in zahlreichen Projekten um die Integration kümmert. „Man muss die Ausgangssituation betrachten: Es kamen sehr viele Flüchtlinge, es fehlte an Sprachkenntnissen und Qualifikationen, gleichzeitig fehlten Arbeitsmarktinstrumente. Zusätzlich wurde alles vom politischen Streit überdeckt.“

Den Erfolg zeigen die Zahlen: Inzwischen haben fünf Mal so viele der Migranten Beschäftigung wie anfangs. Die Jobintegration gelingt sogar ein halbes bis ein Jahr schneller als bei früheren Flüchtlingsströmen wie in den Neunzigerjahren, analysiert Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das hat ein paar Gründe. Der lange Wirtschaftsboom mache Arbeitskräfte gefragt, auch in Helferberufen. Und staatliche Stellen kümmerten sich diesmal schneller um die Integration.

Trotzdem überrascht der positive Befund. Denn die Lage der aktuellen Flüchtlinge ist ungünstiger, was den 2015 starken Andrang, Sprachkenntnisse oder formale Qualifikationen betrifft. Das spiegelt sich in den Erfahrungen von Fahima Hamidzada wider, die hier so gerne als Lehrerin gearbeitet hätte. Oder bei Mohammed Valipour.

„Geduld“ ist das deutsche Wort, das der 33-jährige Iraner am wenigsten mag. Weil er seine Sicherheit bedroht sah, kam Valipour 2015 in einem der heillos überfüllten Schlauchboote übers Mittelmeer. Nach acht Stunden ging das Benzin aus, griechische Soldaten retteten ihn. Jetzt sitzt er in seinem Zimmer in der Wohnung einer freiwilligen Helferin in München und schnauft. „Geduld“, er hebt die Arme, lässt sie fallen, „das mag ich gar nicht“.

Anfangs wirkten die Flüchtlingsämter überfordert, obwohl Wirtschaftsfunktionär Brossardt glaubt: „Man hätte früher sehen können, dass viele Flüchtlinge kommen.“ Ende 2016 hatte nicht mal jeder zweite, der schon ein Jahr da war, eine Asylentscheidung. Aktuell harrt etwa jeder fünfte Flüchtling der Entscheidung. Für viele dauerte es lang. Valipour erfuhr erst im Juli, nach dreieinhalb Jahren, dass sein Asylantrag anerkannt sei. Sein Anwalt musste es mehrmals in den Telefonhörer sprechen, bis er begriff. „Irgendwann fragte der Anwalt, ob ich schon wach bin.“

Gerade in der ersten Zeit mussten fast alle Flüchtlinge in Sammelunterkünften leben. Besonders schwierig war das für Menschen, die Traumatisches erlebt hatten. Fahima Hamidzada fürchtete auf der Flucht um ihre Kinder, sie hatte Angst um ihr Leben. Aber das war nicht alles. Ihren Mann, einen Bauingenieur, bedrohten in Afghanistan die Taliban. 2014 wurde er entführt. Sie hat ihn nie mehr gesehen.

„Ich war psychisch total am Ende“, sagt sie über die Zeit nach der Ankunft. Sie wagte sich in der Sammelunterkunft manchmal nicht mal auf die Toilette. Erst der Umzug in eine Wohnung stabilisierte sie.

Die meisten Migranten kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak. Es erschwert die Integration, dass der Anteil psychisch Belasteter höher ist als bei früheren Flüchtlingsbewegungen. Es gibt noch mehr Unterschiede: Wer in den Neunzigerjahren aus dem ehemaligen Jugoslawien einwanderte, sprach häufiger Deutsch. Oder seine Muttersprache war dem Deutschen wenigstens linguistisch nahe. Eine noch unveröffentlichte Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI zeigt: Wer schon mit guten Sprachkenntnissen anreist, hat langfristig mit 15 Prozent höher Wahrscheinlichkeit eine Beschäftigung und 65 Prozent mehr Einkommen. Von den aktuellen Flüchtlingen konnten 95 Prozent kein Deutsch.

Die RWI-Forscher ermitteln auch: Die Beschäftigungschancen hängen davon ab, dass Sprachkurse um Fachvokabular und berufliche Anstöße erweitert werden – und wie motiviert der Teilnehmer ist. Daran mangelt es Mohammed Valipour augenscheinlich nicht. Die Wand seines Zimmers sind mit Notizzetteln tapeziert. Darauf, jeweils in Deutsch und Farsi, Worte wie „Zahnwurzelresektion“, aber auch „Spiegel“ – oder „Bomben“. Dazu Sätze wie „Ich schlafe noch“.

Bei Fahima Hamidzada mangelte es lange an Gelegenheit. Wie bei anderen Migranten hagelte es Absagen, als sie sich um einen Sprachkurs bemühte. Bis sie bei einer Schule insistierte und anbot, sich notfalls auf den Boden zu setzen. Hamidzada beobachtet, dass andere Frauen aus dem Flüchtlingsheim, die nicht richtig Deutsch lernten, immer noch arbeitslos sind oder höchstens Putzen gehen.

Ihr selbst fließen heute mühelos Ausdrücke wie „Zickenkrieg“ über die Lippen. Aber auch der Satz: „Deutschland ist ein Zertifikateland.“ Das beschreibt ein weiteres Problem der aktuellen Flüchtlinge: Während fast vier Fünftel der Deutschen Lehre oder Uniabschluss haben, sind es bei ihnen nur ein Fünftel. Hamidzada unterrichtete in der Heimat jahrelang Englisch, aber ohne formales Uni-Zertifikat nimmt sie hier keiner. IAB-Forscher Herbert Brücker würde sich für jeden Flüchtling einen Fallmanager wünschen, der berät und Hürden zum Beruf abräumt. Besonders nötig wäre das für die Frauen, die oft später kamen, in der Heimat seltener arbeiteten und dreieinhalb Mal so häufig Kinder aufziehen wie die männlichen Migranten. Als Alleinerziehende mit drei Kindern hätte es Hamidzada wohl auch als Deutsche schwer.

Doch Fallmanager bleiben eine Ausnahme. Deshalb hat sie Glück, auf das gemeinnützige Start-Up Social Bee gestoßen zu sein. Die Münchner Gründerin Zarah Bruhn stellt Migranten ein und vermittelt sie wie in Zeitarbeit an Firmen. Für die sind Sprache und Bürokratieaufwand das größte Hindernis, einen Flüchtling einzustellen, sagt Wirtschaftsfunktionär Brossardt. Zumindest die Bürokratie übernimmt Social Bee weitgehend – und betreut den Migranten persönlich. So hat Hamidzada, die zuvor nur verschiedene Teilzeitjobs hatte, im Frühjahr ihre erste Vollzeitstelle angetreten. Am Empfang des Logistikers Dachser nimmt sie Telefonate entgegen, hilft Kunden – und bekommt nach und nach zusätzliche Aufgaben, etwa Berufskleidung zu bestellen. „Das ist genau mein Ding hier“, sagt sie strahlend. Sie hofft, nach einem Jahr übernommen zu werden – und endlich vom Staat finanziell unabhängig zu sein.

Relativiert es die Erfolgszahlen, dass jeder zweite Flüchtling als Helfer beschäftigt ist? Nein, findet Forscher Brücker. Erstens würden die Helfer gebraucht. Und angesichts der Startnachteile sei es ein hoher Wert, dass die andere Hälfte als Fachkraft oder Spezialist arbeitet.

Grundsätzlich wünscht er sich aber, dass noch mehr von ihnen in höher qualifizierte Tätigkeiten gelangen. Das entspricht den Erwartungen von Menschen wie Fahima Hamidzada, die sich später bei Dachser weiterentwickeln will. Und es garantiert auf Dauer sicherere Arbeitsplätze.

„Derzeit schöpfen die Flüchtlinge ihr Bildungspotenzial noch nicht aus“, sagt Brücker. Zwar haben 60 Prozent in der Heimat Schulen besucht, die Haupt- und Realschulen oder Gymnasien vergleichbar sind. Doch nach den aktuellsten Daten von 2017 machte in Deutschland nur jeder zehnte eine Ausbildung oder studierte.

Da türmen sich Hürden auf. So wie bei Mohammed Valipour, der mit einem iranischen Bachelor in Metallurgie für den deutschen Fachkräftemangel wie prädestiniert scheint. Valipour möchte auch nicht bei seinen bisherigen Jobs im Drogeriemarkt oder als Hilfsarbeiter hängen bleiben – sondern in Deutschland studieren. Doch bisher passte das alles nicht. Bis diese Woche. Da wurde er für ein Einführungssemester an der Technischen Hochschule Ingolstadt zugelassen. „Ich habe, wie sagt man hier‚ Schwein gehabt“, sagt er mit einem Lächeln. Endlich geht es los mit der weiteren Ausbildung – vier Jahre nach seiner Ankunft.

Vbw-Geschäftsführer Brossardt sagt: „Geduld und Zuversicht sind das Wichtigste“. Man solle in der Gesellschaft mehr für die Integration werben. Forscher Brücker sagt: Sobald die Beschäftigungsquote der Flüchtlinge deutlich über 50 Prozent gehievt werden kann, ist der jährliche Finanzierungssaldo für den Sozialstaat ausgeglichen. „Es geht aber um eine humanitäre Frage, keine ökonomische, und das haben wir relativ günstig hinbekommen.“

Fahima Hamidzada sagt, das Positivste in Deutschland sei die Sicherheit. „Ich habe keine Angst mehr, entführt oder getötet zu werden. Wenn Sie in Afghanistan aus dem Haus gehen, wissen Sie nicht, ob Sie zurückkehren werden.“ Natürlich bekommt sie den politischen Streit um die Flüchtlinge mit. „Ich hätte einen Wunsch“, sagt sie: „Ich bitte die Deutschen um Verständnis. Folgt nicht einfach Vorurteilen. Wir möchten arbeiten

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