Unstatistik des Monats

Klimapaket macht Flugtickets wesentlich teurer

Unstatistik vom 30 October 2019

Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Prognose, dass Inlandsflüge durch das Klimapaket der Bundesregierung deutlich verteuert würden. Mehrere Medien dramatisieren die angekündigte Erhöhung der Luftverkehrssteuer. Beispielsweise schreibt die Berliner Morgenpost, Flüge würden wohl „spürbar teurer“, die BILD-Zeitung titelt: „STEUER UM 76 PROZENT RAUF - GroKo macht Flugtickets noch mal teurer!“ und auch ein Nachrichtenbeitrag auf dem Netzwerk LinkedIn prognostiziert: „Inlandsflüge werden wohl deutlich teurer“.

In allen genannten Beiträgen wird argumentiert, dass die Erhöhung der Steuer auf Inlandsflüge von derzeit 7,50 Euro auf 13,03 Euro einer Steigerung um 76 Prozent entspricht. Bei Auslandsflügen sei immerhin eine Steigerung von 41 Prozent (von 42,18 Euro auf 59,43 Euro) vorgesehen. Dabei fällt unter den Tisch, dass sich die absoluten Erhöhungen auf gerade einmal 5,53 Euro beziehungsweise 17,25 Euro belaufen – und sich am Ende in Form weitaus geringerer relativer Erhöhungen auf die Ticketpreise auswirken werden. Besonders irreführend ist deshalb die Schlussfolgerung der Berliner Morgenpost, die in unmittelbarer Nähe zu den Prozentangaben zu finden ist: „Da die Fluggesellschaften die Abgaben in der Regel komplett an die Kunden weiterreichen, dürften die Steuererhöhungen ab dem Frühjahr 1:1 auf die Ticketpreise durchschlagen.“

Beispiele zeigen: kein enormer Preisanstieg durch Klimapaket zu erwarten

Eine kurze, illustrative Recherche soll dies an drei innerdeutschen Flugzielen demonstrieren: Dem Flughafen Berlin-Tegel, der von einer Billigfluglinie angeflogen wird, dem großen und hoch frequentierten Flughafen Hamburg und dem kleineren Flughafen Saarbrücken mit einem Oligopol weniger Fluglinien. Für jeden Flughafen haben wir einen morgendlichen Hinflug von München und einen Rückflug am selben Abend recherchiert – einmal kurzfristig mit einem Tag Vorlauf, einmal langfristig für den kommenden Monat.

Nach Berlin kosten die billigsten Tickets für den kurzfristig anberaumten Hin- und Rückflug rund 135 Euro, für den langfristig anberaumten Flug rund 65 Euro. Diese Flüge würden sich um rund 4,1 Prozent bis rund 8,5 Prozent verteuern. Für einen Flug nach Hamburg müsste man kurzfristig 390 Euro auf den Tisch legen, mit etwas Vorlauf noch 160 Euro. Die Verteuerung durch die Steuer beträgt rechnerisch 1,4 Prozent bis 3,5 Prozent. Nach Saarbrücken zu fliegen, kostet bei einem Flug am übernächsten Tag satte 830 Euro, in einem Monat immerhin noch 570 Euro. Hier schlägt die Steuererhöhung mit gerade einmal 0,7 Prozent bis knapp 1 Prozent durch.

„Spürbar“, aber kaum „deutlich“ wäre die Erhöhung wohl nur im ersten Fall, beim Billigflug nach Berlin. Allerdings sehen es Pläne des Verkehrs- und Wirtschaftsministeriums zudem vor, den Billigfluganbietern per Verordnung zu untersagen, ihre Tickets unter den Kosten von Steuern, Entgelten und Zuschlägen anzubieten. Schon deshalb wird sich der Effekt der Steuererhöhung weiter reduzieren, weil der Ausgangspreis von 66 Euro unter diesen Vorgaben kaum zu halten sein dürfte.

Auch wenn die Berechnung der prozentualen Steuererhöhungen mathematisch nicht zu kritisieren ist, so ist es doch die implizite, dramatisierende Botschaft an den Leser, die aus einer Mücke einen Elefanten macht. Umso erfreulicher sind Positiv-Beispiele wie der Artikel auf ZEIT online, der auf die Angabe prozentualer Veränderungen verzichtet und die Steuererhöhung als das bezeichnet, was sie ist – relativ klein.

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Ansprechpartner/in:

Katharina Schüller (STAT-UP),               Tel.: (089) 34077-447
Sabine Weiler (Pressestelle RWI),         Tel.: (0201) 8149-213 

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de und unter dem Twitter-Account @unstatistik.

Pressemitteilung (PDF)

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