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Kostenloser ÖPNV könnte Nutzung erheblich steigern

Press release from 10 December 2020

Kostenloser öffentlicher Nahverkehr findet in Deutschland breite Zustimmung. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Stiftung Mercator geförderte Studie des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Demnach sprechen sich 72 Prozent der Befragten für einen kostenlosen ÖPNV aus. Damit findet diese Maßnahme deutlich mehr Zustimmung als viele andere Vorschläge zur Eindämmung des Autoverkehrs. Müssten sie dafür nichts bezahlen, würden die Befragten nach eigenen Angaben im Durchschnitt mehr als dreimal so häufig mit Bus und Bahn fahren. Dennoch sehen die Autoren der Studie auch gewichtige Argumente gegen die Einführung eines kostenlosen ÖPNV und für alternative Maßnahmen zur Steigerung nachhaltiger Mobilität. An der Befragung nahmen knapp 7.000 Haushalte in ganz Deutschland teil.

Das Wichtigste in Kürze:

  • In einer Befragung unter knapp 7.000 Haushalten befürworten rund 72 Prozent der Befragten einen kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), elf Prozent sind dagegen. Die Zustimmung ist bei Haushalten mit geringem Einkommen mit rund 83 Prozent am höchsten, mit steigendem Einkommen nimmt die Zustimmung tendenziell ab. In der höchsten Einkommensgruppe liegt sie noch bei knapp 67 Prozent.
  • Die Zustimmung zu einem kostenlosen ÖPNV ist größer als zu anderen abgefragten Maßnahmen, etwa zum Ausbau von Fahrradwegen auf Kosten von Autoparkplätzen, zum Fahrverbot für Fahrzeuge, die Schadstoffgrenzwerte überschreiten, oder zu höheren Parkkosten in Innenstädten.
  • Ein kostenloser ÖPNV würde nach Aussage der Befragten zu einer deutlich höheren Nutzung führen: Im Durchschnitt geben sie an, einen kostenlosen ÖPNV für rund 5,3 Fahrten pro Woche nutzen zu wollen. Der derzeitige Durchschnitt liegt, ebenfalls nach eigenen Angaben, bei 1,6 Fahrten.
  • Haushalte aus städtischen Regionen geben an, ihre ÖPNV-Nutzung in absoluten Werten stärker erhöhen zu wollen als Haushalte auf dem Land. Bereits jetzt nutzen städtische Haushalte den ÖPNV häufiger. Relativ betrachtet würde die Nachfrage im ländlichen Raum nach Einführung eines kostenlosen ÖPNV allerdings stärker zunehmen.
  • Da es sich um Antworten auf hypothetische Fragen handelt, sollten die Werte mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden. Allerdings decken sich die Ergebnisse im Wesentlichen mit den tatsächlich gemessenen Effekten in Orten, die bereits einen kostenlosen ÖPNV eingeführt haben, beispielsweise Hasselt, Tallinn und Templin.
  • Diese Beispiele zeigen jedoch auch, dass ein kostenloser ÖPNV nicht automatisch zu einer umfassenden Verkehrswende führt: Nach den bisherigen Erfahrungen wird die Autonutzung kaum reduziert, stattdessen sinken die gelaufenen oder mit dem Fahrrad zurückgelegten Kilometer.
  • Die in der Studie ausgewertete Befragung fand im Jahr 2018 statt. Eine erneute Befragung im Jahr 2019 unter gut 3.000 Haushalten kommt zu sehr ähnlichen Ergebnissen hinsichtlich der Einstellungen zu einem kostenlosen ÖPNV: In dieser Befragung befürworten 74 Prozent der Befragten einen kostenlosen ÖPNV, elf Prozent lehnen ihn ab.

„Die Befragung zeigt, dass ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr vielen Menschen in Deutschland attraktiv erscheint und zu einer deutlich höheren Nutzung des ÖPNV führen könnte“, sagt RWI-Wissenschaftler Mark Andor, einer der Autoren der Studie. „Allerdings führt ein kostenloser ÖPNV voraussichtlich kaum zur Verringerung der Autonutzung und hat seinen Preis in Form entgangener Einnahmen. Für die Kosten müssten die Steuerzahler aufkommen.“

Ko-Autor Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereichs „Umwelt und Ressourcen“ am RWI, ergänzt: "Aus ökonomischer Sicht ist ein kostenloser ÖPNV nicht die beste Maßnahme, um die Ziele der Verkehrswende – weniger Staus, Abgase und CO2-Emissionen – zu erreichen. Sinnvoller wäre zum Beispiel die Einführung einer Städte-Maut in Ballungsräumen, die den Autoverkehr reduzieren würde und deren Einnahmen für eine Preissenkung des ÖPNV für einkommensschwache Haushalte genutzt werden könnten.“ Die Städte-Maut könnte mit Informationskampagnen zu den Vorteilen der ÖPNV-Nutzung und zu den tatsächlichen Kosten des Autofahrens gepaart werden.

Die Befragung durch das Marktforschungsinstitut forsa fand vom 23. April bis zum 12. Juni 2018 statt. Befragt wurden die Haushaltsvorstände des forsa.omninet Haushaltspanels. Dieses Panel ist für die deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahren repräsentativ. Die Befragten füllten die Fragebögen mehrheitlich via Internet aus. Insgesamt wurden 7.823 Haushaltsvorstände befragt, von denen 6.812 den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben.

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Ihre Ansprechpartner/in dazu:

Dr. Mark A. Andor, , Tel.: 0201 8149-216

Prof. Dr. Manuel Frondel, . Tel. 0201 8149-204

Leonard Goebel (Kommunikation), , Tel.: 0201 81 49-210

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Dieser Pressemitteilung liegt die Studie „Kostenloser ÖPNV: Akzeptanz in der Bevölkerung und mögliche Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten” von Mark A. Andor, Lukas Fink, Manuel Frondel, Andreas Gerster und Marco Horvath zugrunde, die in der Fachzeitschrift „List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik“ erschienen ist. Die Studie ist unter gleichem Titel als RWI Materialien 137 erschienen.

Pressemitteilung im pdf-Format

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