RWI in den Medien

Wie lässt sich die Bevölkerung von einer Corona-Impfung überzeugen?

Viele Menschen neigen bei Entscheidungen dazu, das schlechteste Ergebnis zu vermeiden – und das gilt auch für Impfungen, wie eine neue Studie zeigt. Diese Erkenntnis könnte der Politik helfen, um die Bevölkerung von einer Corona-Impfung zu überzeugen.

Gastbeitrag von RWI-Wissenschaftlern Hendrik Schmitz und Leonard Goebel, zuerst veröffentlicht auf Makronom.de vom 16.09.2020

Laut Weltgesundheitsorganisation befinden sich derzeit 31 potenzielle Impfstoffe gegen das Coronavirus in der klinischen Prüfung, acht davon in der letzten Testphase. Wann ein Impfstoff für weite Teile der deutschen Bevölkerung verfügbar sein wird, ist zwar noch offen. Eines zeichnet sich jedoch schon ab: Die Impfung soll in Deutschland freiwillig sein. Jeder müsse entscheiden, ob er sich impfen lassen wolle, sagte zum Beispiel der Chef des Bundeskanzleramts, Helge Braun. „Wer das nicht will, muss das Risiko einer Infektion selbst tragen.“ Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich gegen eine Impfpflicht ausgesprochen. Das ist verständlich, denn für das Prinzip der Freiwilligkeit gibt es viele gute Gründe, politische wie ethische.

Allerdings stellt sich dann die Frage, wie man es schafft, möglichst viele Menschen von einer Impfung zu überzeugen. Und damit verbunden: Aus welchen Gründen entscheidet sich jemand gegen eine Impfung? Diese Fragen sind nicht nur für Gesundheitspolitiker, sondern auch für Wissenschaftler interessant.

„Prudence“ statt Risikoaversion

Ökonomen nähern sich solchen Entscheidungen – Impfung ja oder nein, Versicherung ja oder nein – häufig über das Konzept der Risikoaversion. Die Idee: Risikoaverse Menschen wollen Unsicherheit reduzieren. Je größer die Risikoabneigung ist, desto eher entscheiden sie sich für die sichere Option – beispielsweise für eine Fahrradversicherung. Risikofreudige Menschen hingegen nehmen die Gefahr eines Diebstahls in Kauf und sparen sich das Geld für die Versicherung.

Es wäre nachvollziehbar, davon auszugehen, dass die Entscheidung bei einer Impfung ähnlich abläuft: Risikoaverse Menschen lassen sich impfen, risikofreudige Menschen verzichten darauf. Dass es so einfach nicht ist, zeigt eine neue Studie, die das RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und die Universität Paderborn gemeinsam mit Thomas Mayrhofer von der Hochschule Stralsund durchgeführt hat. Darin nutzen wir Daten des repräsentativen LISS-Panels aus den Niederlanden, in der mit verschiedenen Experimenten die Risikobereitschaft der Befragten getestet wurde. Zudem wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie gegen die Grippe geimpft sind.

Das Ergebnis: Für die Impfneigung spielt es keine Rolle, wie risikobereit oder -avers jemand ist. Relevant ist dagegen ein anderes, bislang wenig erforschtes Konzept – die sogenannte „prudence“, was sich auf Deutsch in etwa mit „Vorsicht“ übersetzen lässt. Menschen mit dieser Eigenschaft tendieren dazu, das schlechteste Ergebnis einer Entscheidung zu vermeiden. Bei Impfungen wäre das folgender Ausgang: Man lässt sich impfen, wird aber trotzdem krank, da die Impfung nicht wirkt. Zudem könnte sie mit Nebenwirkungen und Unannehmlichkeiten verbunden sein.

Unsere Untersuchung zeigt: Rund drei Viertel der Befragten kann man als „vorsichtig“ charakterisieren – sie wägen in Experimenten nicht einfach Nutzen und Risiken gegeneinander ab, sondern versuchen, den schlechtesten Ausgang zu vermeiden. Entscheidend für die aktuelle Situation ist jedoch vor allem das Ergebnis, dass sich “vorsichtige” Menschen unter ansonsten gleichen Bedingungen seltener gegen die Grippe impfen lassen. In der „nicht vorsichtigen“ Gruppe der Befragten lag die Impfrate bei 50 Prozent, in der „vorsichtigen“ bei 44 Prozent.

Noch stärker ist der Zusammenhang in den Risikogruppen, insbesondere aber bei jüngeren Menschen mit Vorerkrankungen. Von den Vorerkrankten unter 60 Jahren ließen sich 68 Prozent der „nicht vorsichtigen“ Menschen impfen, während es unter den „Vorsichtigen“ nur 43 Prozent waren.  Gerade bei gefährdeten Menschen, bei denen die Impfung eindeutig empfohlen ist, sorgt die „Vorsicht“ also nicht dafür, dass sie sich impfen lassen – sondern hält sie eher davon ab.

Wie lassen sich Impfskeptiker überzeugen?

Daraus lassen sich Rückschlüsse für die Bekämpfung der Corona-Pandemie ziehen, zumal sich die Risikogruppen ähneln. Auch bei der Corona-Impfung dürfte es demnach für viele Menschen weniger um eine einfache Abwägung des persönlichen Erkrankungsrisikos gehen, sondern um vielfältige Sorgen, die mit einer Impfung verbunden sein könnten. Und trotz der größeren Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs könnten diese Sorgen gerade Menschen aus Risikogruppen von einer Impfung abhalten. Die Aussage von Kanzleramtschef Braun, wer eine Impfung nicht wolle, „der muss das Risiko einer Infektion selbst tragen“, greift deshalb zu kurz. Für den Erfolg eines Impfstoffs dürfte es vielmehr entscheidend sein, Sorgen über die Sicherheit und Wirkung eines Impfstoffs ernst zu nehmen und zu adressieren.

Außerdem sollte die Politik die Entscheidung über die Impfung nicht als einfache Risikoabwägung darstellen, sondern auch an die gesellschaftliche Verantwortung appellieren – denn eine Impfung schützt nicht nur die geimpfte Person, sondern auch ihr Umfeld. Selbst wenn sich Menschen aus „Vorsicht“ dagegen entscheiden würden, können sie durch andere Motive dennoch von einer Impfung überzeugt werden. Die Informationskampagnen sollten dabei insbesondere auch Kanäle nutzen, die höher gebildete Menschen erreichen. Denn Studien deuten darauf hin, dass „vorsichtige” Menschen im Durchschnitt ein höheres Bildungsniveau aufweisen. Dies passt zu der Beobachtung, dass viele Impfgegner aus dem akademisch gebildeten Milieu kommen.

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